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Elaris · Kapitel V

Das Tor ohne Schatten

Tomasz Dobras3 Szenen

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Eiran betrachtet neben dem Fenster in Saerons Atelier ein kleines Gemälde eines Stadttors.

Szene I

Am liebsten mochte Rhaevan jenen kurzen Augenblick, in dem die Menschen in seinem Bett vergaßen, dass er König war.

Diesmal dauerte er nicht einmal eine Minute.

Alle vier waren nackt. Hinter dem eisernen Kamingitter erlosch das Feuer langsam und warf ungleichmäßige Lichtstreifen auf ihre Körper. Die Bettvorhänge dämpften das Knacken des Holzes und schlossen den Palast aus, die Wachen vor der Tür und die Hunderte von Menschen, die unter einem Dach schliefen, das Rhaevan gehörte.

An den Rändern der Vorhänge zeigte sich Tageslicht.

Die Frau kniete zwischen ihm und dem Dunkelhaarigen. Eine Hand lag im Nacken des Königs, die andere auf der Brust ihres Gefährten. Beide Männer hielten sie an den Hüften. Ihre Haut war glatt vom Wacholderöl; ihr Haar fiel offen über die Schultern und klebte an Hals und Lippen.

Sie bewegte sich in einem Rhythmus, den Rhaevan ihr nicht vorzuschreiben versuchte.

Anfangs.

Als sie langsamer wurde, schlossen sich seine Finger fester um ihre Hüfte. Sie antwortete mit einem Blick über die Schulter, zu kühn für eine Untertanin und gerade deshalb begehrt. An der Innenseite ihres Handgelenks verlief eine schmale weiße Narbe. Rhaevan hatte sie zweimal danach gefragt. Jedes Mal hatte sie ihm eine andere Geschichte erzählt.

Sie schob die Finger in sein feuchtes Haar und zog ihn zu einem Kuss heran. Ohne zu fragen setzte sie sich auf ihn und ließ weder Raum für zeremoniellen Abstand noch für das Warten auf ein erlaubendes Nicken.

Der Dunkelhaarige legte den Kopf zurück. Sie drückte ihren Rücken an seine Brust, während seine Hände über ihre Taille glitten. Seine Augen waren geschlossen, seine Lippen geöffnet. Jede ihrer Bewegungen nahm ihm den Atem, und er versuchte es nicht zu verbergen.

Der Blonde lag hinter Rhaevan, an das Kopfende des Bettes gelehnt. Ein Bein hatte er zwischen die Schenkel des Königs geschoben. Sein Mund wanderte von Rhaevans Nacken zum Kiefer und fand geduldig jene Stellen, an denen der Körper des Königs früher reagierte als sein Gesicht.

Er roch nach Wein, Rauch und demselben Öl, mit dem er sich zuvor die Hände eingerieben hatte.

Er biss Rhaevan knapp unterhalb des Ohrs.

Der König holte Luft. Seine Hand schloss sich so fest um den Oberschenkel des Mannes, dass unter seinen Fingern helle Abdrücke zurückblieben.

Der Blonde lachte leise.

„Tut es weh?“

„Noch nicht.“

Wieder berührten Zähne die Haut. Diesmal fester.

Rhaevan wandte den Kopf nicht ab. Er ließ den Mann eine Spur hinterlassen, die er bei der Audienz unter einem hohen Kragen verbergen musste. In wenigen Stunden würden Würdenträger die Köpfe vor ihm neigen. Keiner würde ahnen, was der König unter seinem zeremoniellen Gewand verbarg.

Die Frau gab einen leisen, erstickten Laut von sich. Rhaevan ließ die Hand über ihren Bauch gleiten. Sie griff danach und führte sie tiefer.

Erst dort, wo sie sie haben wollte, hielt sie inne.

Der Dunkelhaarige öffnete die Augen.

Er sah Rhaevan ruhig an, beinahe traurig. Einen Moment glaubte der König sein eigenes Gesicht von früher zu sehen, bevor er gelernt hatte, jede Frage mit der Miene eines Mannes zu beantworten, der den Ausgang bereits kannte.

Die Frau fasste den Dunkelhaarigen am Kinn und küsste ihn. Rhaevan zog beide näher an sich, bis zwischen ihnen kein Platz mehr für die kühle Luft blieb.

Der Blonde ließ seine Lippen am Hals des Königs hinabgleiten. Tiefer. Er hielt inne und sah auf.

Rhaevan legte ihm eine Hand in den Nacken.

Der Mann verstand.

Dem König stockte der Atem. Als er die Stellung wechselte, schoss Schmerz durch sein krankes Knie. Die Frau spürte sein Zusammenzucken, wurde aber nicht langsamer. Sie strich mit der Hand über seinen Oberschenkel und hielt den angespannten Muskel fest. Ohne zu fragen wusste sie, wo es wehtat.

An seiner Wange lächelte sie.

„Eure Majestät.“

Rhaevan griff in ihr Haar und neigte ihren Kopf zurück.

„Nicht hier.“

Ihr Lächeln blieb.

„Wer bist du dann?“

Die Frage traf tiefer, als sie sollte.

Rhaevans Finger lockerten sich in ihrem Haar. Für einen Herzschlag verlor er den Rhythmus. Sie musste eine Hand gegen seine Brust stemmen, um das Gleichgewicht zu halten.

Sie spürte es. Sie lachte nicht. Aus nächster Nähe sah sie ihn an und wartete noch immer auf eine Antwort.

Rhaevan öffnete den Mund, fand aber keine Worte, die er nicht schon vor dem Rat, dem Heer oder seinem eigenen Spiegelbild gesprochen hatte.

Er küsste sie, um sie zum Schweigen zu bringen.

Der Dunkelhaarige presste die Lippen an ihren Hals. Der Blonde legte von hinten die Arme um Rhaevan. Die Frau begann sich schneller zu bewegen.

Rhaevan schloss die Augen. Die Finger des Dunkelhaarigen schlossen sich fester um seine Schulter. Der Blonde flüsterte ihm etwas Unverständliches ins Ohr.

Jemand klopfte.

Rhaevan hörte nicht auf.

Die Frau blickte über die Schulter. Feuchte Haarsträhnen klebten an ihren Lippen.

„Mach nicht auf.“

Das zweite Klopfen war lauter.

Rhaevan zog sie zurück. Der Blonde küsste den König in den Mundwinkel, dann an den Kiefer, als könnte er ihn allein mit seinen Lippen im Bett halten.

Die Frau brachte ihre Körper erneut in Bewegung. Langsam. Herausfordernd.

Drei weitere Schläge ertönten.

Zwei schnelle.

Ein langsamer.

Rhaevan und die Frau erstarrten im selben Augenblick.

Der Blonde löste die Lippen vom Hals des Königs und begann zu lachen. Leise, noch immer außer Atem. Rhaevan kam es vor, als lache er über den Palast, der selbst hier seinen Herrscher zurückfordern konnte.

Der Dunkelhaarige sah Rhaevan ohne Mitgefühl und ohne Genugtuung an.

Die Frau legte die Stirn an die Schulter des Königs.

Rhaevan schob sich zwischen ihnen hervor.

Der Blonde fragte:

„Krieg?“

„Kriege klopfen nicht an.“

Die Stimme des Königs klang ruhiger als sein Atem.

Rhaevan stand auf. Kühle Luft legte sich auf seine erhitzte Haut. Der Schweiß hatte das Grau an seinen Schläfen verdunkelt. Seine breite Brust hob sich noch zweimal, ehe es ihm gelang, den Atem zu verlangsamen.

Sein Knie antwortete mit einem dumpfen Schmerz. Er schwankte leicht und richtete sich sofort wieder auf.

Als er nach seinem Morgenrock griff, zitterte seine Hand.

Die Frau bemerkte es. Der Dunkelhaarige suchte zwischen den heruntergeworfenen Kissen nach seiner Hose, und der Blonde hatte sich bereits zur Tür gewandt.

Rhaevan schob die Arme in die Ärmel und band den Morgenrock um seine fülliger gewordene Taille. Als er den Stuhl neben dem Bett erreichte, war sein Schritt wieder gleichmäßig.

Die anderen drei versuchten nicht, sich vor ihm zu bedecken. Die Frau griff nach dem Wein. Der Dunkelhaarige setzte sich auf die Bettkante. Der Blonde blieb an das Kopfende gelehnt.

Rhaevan wählte Menschen, die weder seine Nacktheit noch sein Schweigen fürchteten.

Er deutete auf die Seitentür.

„Wartet in der anderen Kammer.“

Die Frau hob den Kelch an die Lippen, trank aber nicht.

„Sollen wir wiederkommen?“

Rhaevan sah zur Tür, hinter der der Bote wartete. Sein Herz schlug noch immer zu schnell.

„Wenn mir noch etwas Zeit bleibt.“

Sie stellte den Kelch ab. Im Vorbeigehen hielt sie ihn an der Hand fest.

„Du hast etwas aus dem Rat mitgebracht.“

Unter seinem Daumennagel saß ein winziger Rest roten Wachses. Sie wischte ihn am weißen Laken ab. Ein dunkelroter Fleck blieb auf dem Stoff zurück.

Sie hielt seine Hand noch einen Moment fest. Dann hob sie ihr Kleid vom Boden auf.

Der Blonde warf sich das Hemd über die Schultern. Der Dunkelhaarige zog seine Hose an. Alle drei verschwanden durch die schmale Tür, die in der Wandvertäfelung verborgen war.

Rhaevan wartete, bis der Riegel vorgeschoben wurde.

„Herein.“

Averan Sorn betrat die Kammer mit einem gefalteten Blatt Papier in der Hand. Er verlor kein Wort über das zerwühlte Bett oder den roten Fleck auf dem Laken.

„Eure Majestät. Die Männer, die den Schüler beobachten, haben ihn fast eine Stunde lang aus den Augen verloren.“

Rhaevan schenkte sich Wasser statt Wein ein.

„Sie haben ihn verloren?“

„Ja.“

„Wo haben sie ihn wiedergefunden?“

„Unterhalb des Nordflügels. Er gelangte an das Außenfenster des Raums, in dem Saeron festgehalten wird.“

Rhaevans Hand hielt über dem Kelch inne.

„Haben sie einander gesehen?“

„Durch die Gitter. Der Wächter beobachtete ihre Gesichter. Keiner von beiden bewegte die Lippen.“

Rhaevan stellte den Krug ab.

„War der Schüler allein?“

„Ein Mädchen war bei ihm. Die Männer haben erfahren, dass sie Lira heißt.“

Averan faltete das Blatt auseinander.

„Einer der Männer sah außerdem einen silbernen Schlüssel, als das Mädchen ihn Eiran zurückgab.“

„Was öffnet er?“

„Das wissen wir nicht.“

Rhaevan trank das Wasser. Dann sah er auf den roten Fleck auf dem Laken.

„Saerons Atelier?“

„Wird beobachtet.“

„Zieht die Wachen von der Straße ab. Lasst einen Mann auf der Hofseite.“

Averan ließ das Blatt sinken.

„Eiran wird bemerken, dass der Eingang frei ist.“

„Genau deshalb werdet Ihr sie abziehen.“

„Wenn der Schlüssel etwas im Atelier öffnet, könnte er den Inhalt mitnehmen.“

„Der Mann im Hof wird aufschreiben, wohin er geht und was er hinausträgt. Er wird nicht eingreifen.“

Averan wartete auf die Fortsetzung.

„Wenn Eiran fort ist, werdet Ihr die Stellen durchsuchen, die er berührt hat“, sagte Rhaevan. „Schreibt die Dokumente ab. Beschreibt die Gegenstände und legt sie genau dorthin zurück, wo sie waren.“

„Und wenn er merkt, dass er beobachtet wird?“

„Dann habt Ihr ihn verloren. Diesmal wirklich.“

Averan faltete das Blatt zusammen.

„Und Eiran selbst?“

„Nicht festnehmen.“

Rhaevan trat an den Kamin und verschob das verkohlte Holz mit dem Schürhaken. Eine kleine Flamme kam unter der Asche hervor.

„Lasst ihn öffnen, wozu der Schlüssel passt. Wenn er fertig ist, lasst ihn glauben, er sei allein gewesen.“

Szene II

Die Straße war voll.

Zwei Wagen versperrten die Kreuzung. Ihre Kutscher schrien einander über die Pferderücken hinweg an, während die Träger dahinter versuchten, Handkarren mit leeren Kisten zwischen den Rädern hindurchzuschieben. Einer blieb an einer Standkante hängen. Eine hölzerne Schüssel fiel auf das Pflaster und verstreute Reste von Fischeingeweiden vor den Füßen der Vorübergehenden.

Niemand blieb stehen.

Eiran folgte Lira und achtete darauf, sie zwischen Mänteln und Körben nicht zu verlieren. Für eine zweite Silbermünze hatte sie sich bereit erklärt, ihn zum Atelier zu bringen und zu prüfen, ob ihnen jemand folgte. Sie war einen Kopf kleiner als er und kam durch Lücken, in denen er die Ellbogen einsetzen musste. Eine Wange war noch immer geschwollen. Sie hielt den Mund still, um den Kiefer zu schonen.

Es stank nach Schweiß, nasser Wolle, Schlamm und den Abfällen eines ganzen Markttages. Der Rauch der Feuerstellen hing tief. Neben der Gosse suchten zwei Jungen Kohlestücke aus der Asche. Daneben rollte eine Frau das Tuch zusammen, auf dem sie Zwiebeln verkauft hatte. Die faulen warf sie an die Mauer.

Lira bog zwischen einem Wagen voller Fässer und einer Gruppe von Arbeitern ab, die einen Holzbalken trugen. Eiran folgte ihr.

Der gewöhnliche Schlüssel steckte in seiner Manteltasche. Eisen, schwer, die Zähne von jahrelangem Gebrauch abgenutzt. Er öffnete die Haupttür des Ateliers und sonst nichts.

Der silberne Schlüssel lag in der Innentasche seiner Jacke. Eiran spürte seine harte Kante, sobald er schneller ging. Er fasste ihn nicht an. Auf der Straße beobachteten zu viele Menschen fremde Hände.

Er wusste, was er damit öffnen würde. Im geheimen Schrank bewahrte Saeron private Aufzeichnungen und Proben auf, die er den Leuten aus dem Palast nicht zeigte. Eiran wusste nicht, was davon noch da war. Er konnte den Schrank leer vorfinden oder bereits zerlegt.

Lira wurde unvermittelt langsamer.

Eiran wäre ihr beinahe in den Rücken gelaufen.

„Was machst du?“

Sie antwortete nicht. Sie trat aus dem Strom der Menschen und blieb an einem Stand stehen, an dem ein alter Händler gesprungene Tonbecher aufstellte. Sie nahm einen in die Hand, betrachtete den Boden und stellte ihn zurück, ohne nach dem Preis zu fragen.

Der Händler fluchte. Lira ging schon weiter.

Sie kam an einem schmalen Durchgang zwischen zwei Gebäuden vorbei, bog hinein und blieb wenige Schritte weiter unter einer Treppe stehen. Eiran folgte ihr.

„Das Atelier liegt in der anderen Richtung.“

„Weiß ich.“

„Warum sind wir dann hier reingegangen?“

Lira sah auf die Straße. Nicht auf die Tür, zu der sie wollten. Sie beobachtete die Menschen, die hinter dem Wagen voller Fässer hervorkamen.

Zuerst gingen zwei Träger vorbei. Dann eine Frau mit einem Stück Segeltuch unter dem Arm. Hinter ihr kam ein Mann, der einen Käfig mit drei Hühnern trug.

Niemand bog hinter ihnen ab.

Lira wartete noch einen Moment. Dann trat sie unter der Treppe hervor und ging zurück auf die Straße. Eiran folgte. Er fragte nicht noch einmal. Jetzt wusste er, was sie überprüft hatte.

Das Atelier war keine hundert Schritte mehr entfernt. Seine oberen Fenster waren dunkel. Die Läden blieben geschlossen, und die Tür sah aus wie am Morgen, als Eiran das Gebäude verlassen hatte. Kein amtliches Siegel hing daran. Er sah weder ein neues Schloss noch Bretter, die man vor den Rahmen genagelt hatte.

Auch ein Wächter fehlte.

Auf der anderen Straßenseite nahm ein Schneider Mäntel von einer Leine. Vor dem nächsten Gebäude saßen zwei Männer mit einem Krug. Sie reichten ihn einander, ohne zu sprechen. Weiter hinten wartete eine Prostituierte in einem offenen Mantel. Sie musterte die Vorübergehenden, aber nicht das Atelier.

Sie hatten nicht einmal einen Jungen am Eingang zurückgelassen, der zur Wache laufen konnte.

Der Weg war frei.

Eiran sah zur Tür. Es waren nur noch ein gutes Dutzend Schritte. Er konnte das Schloss schnell öffnen und den Blicken von der Straße entkommen.

Lira ging am Atelier vorbei. Sie sah nicht zum Eingang. Sie ging weiter, bog am nächsten Stand ab und umrundete einen Wagen voller leerer Säcke. Eiran blieb stehen. Einen Moment später sah er sie auf der anderen Straßenseite wieder.

Erst als ein Wagen zwischen ihnen vorbeigefahren war, kam sie zu ihm zurück.

Eiran sagte: „Da ist niemand.“

„Da müsste jemand sein.“

„Ist aber nicht.“

Lira sah auf die Ateliertür. Dann auf die geschlossenen Fensterläden und die Menschen, die gleichgültig daran vorbeigingen.

„Geh noch nicht.“

Eiran spürte erneut den silbernen Schlüssel unter seiner Jacke.

„Sie können jeden Augenblick zurückkommen.“

Sie hatten das zeremonielle Gemälde fortgeschafft. Er wollte nicht warten, bis sie wegen des Rests wiederkamen.

Lira schwieg. Noch immer beobachtete sie die Straße.

Der Schneider gegenüber hörte auf, die Mäntel abzunehmen. Er raffte die letzten beiden aus seiner Auslage zusammen und zog sich in die Türöffnung zurück.

Die beiden Männer mit dem Krug hörten auf zu trinken.

Die Menge teilte sich vor einer Patrouille.

Es waren drei Wächter. Eiran kannte keinen von ihnen. Der erste bahnte den Weg und schob die Menschen mit dem Unterarm beiseite. Der zweite führte einen Mann, dessen Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Der dritte folgte wenige Schritte dahinter, den Knüppel auf der Schulter.

Der Gefangene war ein erwachsener Mann, vielleicht doppelt so alt wie Eiran. Seine Jacke war zerrissen, seine Knie waren mit getrocknetem Schlamm bedeckt. Er ging vornübergebeugt, weil der Wächter das kurze Ende der Schnur hielt, die um seine Handgelenke gewickelt war.

Der erste Wächter sagte: „Aus dem Weg. Wir haben einen Dieb.“

Niemand fragte, was er gestohlen hatte.

Eiran sah hinter sie. Er entdeckte niemanden, dem das gestohlene Gut gehören konnte, keinen Zeugen. Die Menschen wichen zurück, bevor die Wächter sie berühren konnten.

Der Gefangene blieb mit der Stiefelspitze an einem vorstehenden Stein hängen. Er fiel auf ein Knie.

Der Wächter riss an der Schnur. „Steh auf.“

Der Mann versuchte es. Mit den gefesselten Händen fiel es ihm schwer, das Gleichgewicht wiederzufinden. Er kam halb hoch.

Der Wächter schlug zu.

Er stand zu nah und verlor beim Ausholen das Gleichgewicht. Der Knüppel traf den Gefangenen seitlich am Kiefer.

Die untere Hälfte seines Gesichts verschob sich zur Seite. Der Mund blieb offen.

Zwei Zähne schlugen auf das Pflaster.

Der Mann fiel auf die Schulter. Er schaffte es nicht mehr, die Beine anzuziehen, bevor der zweite Schlag niederging. Der Knüppel traf seinen Rücken. Beim dritten Mal schlug der Wächter tiefer zu, auf die Rippen. Er zielte nicht genau. Er schlug, bis der Gefangene nicht mehr versuchte aufzustehen.

Beim ersten Schlag hob Lira die Hand an ihre schmerzende Wange.

Die Bewegung war kurz. Sie ließ die Hand sinken und presste die Lippen zusammen. Sie sagte nichts.

Der Gefangene lag auf der Seite. Blut lief aus seinem Mund und sammelte sich zwischen den Steinen. Sein Unterkiefer war noch immer verschoben. Er versuchte den Mund zu schließen, konnte es aber nicht.

Er atmete noch.

Der Wächter packte ihn hinten an der Jacke und zerrte ihn hoch. Seine Beine trugen ihn nicht. Ein anderer Wächter griff ihm unter den Arm. Gemeinsam begannen sie, ihn die Straße entlangzuschleifen.

Eine Frau neben einem Stand drehte ihrem Kind den Kopf zur Seite. Ein Träger nahm den abgestellten Handkarren wieder auf. Der Schneider begann in seiner Türöffnung Mäntel zusammenzulegen.

Noch ehe die Patrouille fort war, kehrten die Menschen in die Straßenmitte zurück.

Das Blut blieb auf dem Pflaster.

Eiran machte einen Schritt auf die Wächter zu.

Lira packte seinen Ärmel und zog daran.

Eiran blieb nach diesem ersten Schritt stehen. Erst jetzt begriff er, dass er sich bewegt hatte. Er wusste nicht, was er tun würde, wenn er die Wächter erreichte. Lira war zu leicht, um ihn festzuhalten, und stand im falschen Winkel. Der Ruck reichte nur dazu, ihn den Kopf wenden zu lassen.

„Gehst du hin, nehmen sie dich auch mit.“

Lira ließ den Stoff los. Sie versuchte nicht, ihn noch einmal zu packen. Sie stand still und beobachtete die Patrouille.

Eiran sah ihr nach. Zwei Wächter schleiften den Gefangenen mit sich. Seine Stiefelspitzen schrammten über die Steine. Sein Kopf war auf die Brust gesunken, doch der Brustkorb bewegte sich noch. Er lebte.

Eiran konnte sie einholen. Er brauchte sich nur zwischen die Frau mit dem Korb und den Träger zu drängen, der seinen Handkarren wieder auf die Straße stellte. Die Wächter waren noch nicht weit gekommen.

Wenn er schrie, würden sie sich gegen ihn wenden. Dann würden sie seine Kleidung durchsuchen.

Er spürte den silbernen Schlüssel unter der Kleidung. Der gewöhnliche lag schwer in seiner Tasche.

Beim nächsten Mal nahmen sie vielleicht die Aufzeichnungen und Proben mit.

Die Patrouille zog weiter. Lira hielt Eiran nicht mehr fest. Er konnte gehen.

Er ging nicht.

Er wandte sich zum Atelier.

Die Menge schloss die Lücke, die die Wächter hinterlassen hatten. Ein Händler rief wieder den Preis seiner Zwiebeln aus. Ein Kutscher schlug sein Pferd mit den Zügeln. Räder rollten durch das Blut. Die Vorübergehenden wichen den Zähnen aus, die zwischen den Steinen lagen.

Eiran hörte noch immer den Schlag des Knüppels. Das kurze Knacken, nach dem sich der Kiefer des Mannes zur Seite verschoben hatte. Er dachte nicht darüber nach. Er hörte es einfach.

An der Ateliertür stand noch immer niemand.

Die Straße ringsum blieb voll und laut. Eiran wurde langsamer. Er sah zu den Fenstern gegenüber, den Eingängen der Nachbarhäuser und den Menschen, die sich zwischen den Ständen hindurchdrängten. Kein Blick verweilte auf dem Atelier.

Lira ging an der Tür vorbei und betrachtete den Rahmen.

„Ich bleibe draußen.“

Eiran sah sie an.

„Einer muss sehen, wer kommt. An der Tür steht niemand.“

„Stell dich nicht hierhin.“

„Hatte ich nicht vor.“

Sie blickte zu den geschlossenen Fensterläden im Obergeschoss hinauf. „Ich werfe einen Kiesel gegen den oberen. Einmal. Wenn du ihn hörst, kommt jemand. Geh dann nicht wieder durch diese Tür.“

Eiran antwortete nicht.

Lira ging zuerst. Sie überquerte die Straße, blieb aber nicht dem Atelier gegenüber stehen. Sie schlüpfte zwischen die Kunden an einem Stand mit gebrauchten Kleidern. Sie nahm ein Kinderwams vom Bügel und begann die Nähte zu prüfen, als wollte sie es kaufen. Einen Moment später verdeckten die Erwachsenen sie.

Eiran blieb an der Tür. Auf dem Holz war kein Siegel. Das Schloss zeigte keine frischen Kratzer. Niemand hatte versucht, die Bretter aufzubrechen oder die Scharniere herauszuhebeln. Der Eingang sah aus wie zu der Zeit, als Saeron noch arbeitete und Eiran vor Tagesanbruch kam, um Pigmente zu zerreiben.

Er nahm den gewöhnlichen Schlüssel heraus. Der silberne blieb unter seiner Kleidung.

Eiran schob den Schlüssel ins Schloss. Er ließ sich ohne Widerstand drehen.

Er hielt mit der Hand auf der Klinke inne und sah noch einmal auf die Straße. Unter den Kunden des Kleiderstands konnte er Lira nicht finden. Auch sah er niemanden, der den Eingang beobachtete.

Er drückte die Klinke hinunter.

Hinter der Schwelle war es dunkel. Eiran trat ein und zog die Tür zu sich. Der Straßenlärm wurde leiser, als sich der Spalt auf eine Fingerbreite verengte. Lira blieb auf der anderen Seite.

Eiran schloss die Tür hinter sich.

Szene III

Einen Moment blieb er an der Tür stehen, die Hand auf der Klinke.

Die Straße verschwand nicht sofort. Sie drang durch das Holz: als Rattern der Räder über unebenes Pflaster, als Rufen der Händler und fernes Hundegebell. Irgendwo zwischen diesen Geräuschen, auf der anderen Seite der Tür, war Lira.

Er konnte noch zurück.

Er hatte dem Mädchen versprochen, nicht lange zu brauchen, auch wenn ihm dieses Versprechen jetzt verdächtig bequem vorkam.

Seine Finger schlossen sich fester um die Klinke, doch nach einem Moment ließ er los.

Ein paar Minuten sollten genügen.

Das Atelier sah fast so aus, wie er es in Erinnerung hatte, und gerade diese scheinbare Alltäglichkeit beunruhigte ihn.

Die Nordfenster ließen gleichmäßiges, kühles Licht herein. Auf der Steinplatte war Pigment getrocknet, Leinwände standen mit der Bildseite zur Wand, und im Kamin glomm das Holz nur noch. Der Geruch von Leinöl vermischte sich mit Asche, feuchter Grundierung und mineralischem Staub. Er war so vertraut, dass Eiran beinahe erwartete, hinter sich Saerons ungeduldiges Seufzen zu hören.

Sein Meister hatte immer gesagt, gutes Licht müsse ehrlich sein. Es dürfe weder schmeicheln noch verbergen. Es müsse die Dinge bleiben lassen, was sie waren.

Eiran ging zwischen den Tischen hindurch und bemerkte zunächst nichts Ungewöhnliches. Erst an der dritten Staffelei wurde er langsamer.

Darauf stand das unvollendete Porträt einer Frau.

Ihr Gesicht war nicht bedeckt.

Saeron verhüllte unvollendete Gesichter immer. Bei Landschaften, Handstudien und Architekturskizzen war es ihm gleichgültig, doch mit Augen verhielt es sich anders.

Als Eiran ihn einmal gefragt hatte, ob er wirklich glaube, dass ein unvollendetes Porträt ihn beobachten könne, hatte Saeron erwidert, man müsse nicht an etwas glauben, um lieber nicht im selben Raum damit zu schlafen.

Das Leinentuch, das er gewöhnlich über das Bild legte, lag zusammengeknüllt unter der Staffelei.

Jemand hatte es abgenommen.

Eiran sah sich genauer um. Keine umgestürzten Möbel, keine aufgebrochenen Truhen, keine Spuren einer gewaltsamen Durchsuchung. Falls jemand hier gewesen war, war er nicht gekommen, um etwas zu zerstören.

Er hatte etwas gesucht.

Zuerst ging Eiran zum geheimen Schrank. Er nahm den silbernen Schlüssel heraus, schob ihn ins Schloss und drehte ihn. Saerons private Aufzeichnungen und Proben lagen noch darin. Er sah sie rasch durch, fand aber nichts, was Merans Wunde erklärt hätte. Er schloss den Schrank und steckte den Schlüssel weg.

Die erste Schublade am Tisch stand einen Spalt offen. Darin fand er nur Zeichenkohle, Kreide, Schnur und ein altes Messer zum Abschaben der Grundierung. In der nächsten lagen Studien von Händen und Stoffen.

Erst bei der dritten bemerkte er etwas Wesentliches.

Die Blätter lagen in der falschen Reihenfolge.

Einem Fremden hätte das nichts bedeutet. Saeron konnte verzogene Bretter jahrelang aufbewahren und dennoch wütend werden, wenn jemand seine Papiere verschob. Seine Studien ordnete er stets nach Größe, die größten unten, die kleinsten oben.

Hier waren mehrere kleine Zeichnungen unter größere geschoben worden.

Jemand hatte sie durchgesehen.

Eiran begann dasselbe zu tun.

Er schob weitere Handstudien beiseite, Teile von Ärmeln, das Profil eines alten Mannes und die Skizze einer Säule. Saeron zerlegte Menschen, bevor er sie auf einem Bild wieder zusammensetzte. Manchmal übte er wochenlang nur die Stellung von Fingern oder die Art, wie ein Stoff über eine Schulter fiel.

Ein Blatt ließ Eiran mitten in der Bewegung innehalten.

Es zeigte Meran Vey.

Saeron hatte das Gesicht noch nicht ausgearbeitet, nur die Haltung, die Stellung der Schultern, die zeremonielle Kleidung und die Hand neben dem Gürtel.

Eine Studie für das Bild der Einheit.

Eiran legte die Zeichnung auf den Tisch und nahm die nächste heraus. Darauf hatte Saeron die Armhaltung leicht verändert. Auf der folgenden neigte Meran sich ein wenig weiter zur Seite.

Erst auf der vierten Skizze erschien knapp unter dem linken Ohr ein dünner Strich.

Eiran beugte sich näher heran.

Auf der nächsten war die Spur länger. Auf der darauffolgenden hatte Saeron rote Kreide benutzt und die Linie genau über jene Stelle gezogen, die Eiran seit dem Mord aus seiner Erinnerung fernzuhalten versuchte.

Vergeblich.

Er erinnerte sich an den schmalen roten Schnitt unter Merans linkem Ohr auf dem Bild der Einheit.

Die Wunde lag dort, wo Saerons letzter Strich endete.

Er schob die Blätter weg.

Noch immer bewies das nichts. Saeron konnte nach Merans Tod zu den Skizzen zurückgekehrt sein. Er konnte Einzelheiten des Mordes gehört haben, die Eiran nicht kannte. Vielleicht hatte er sogar im Voraus von dem geplanten Mord gewusst. Die Möglichkeit war düster, doch sie gehörte noch zu einer Welt, die sich begreifen ließ.

Menschen schmiedeten Verschwörungen, töteten und logen.

Dafür brauchten sie keine Wunder.

Er durchsuchte den Rest der Schublade, fand aber nichts Ähnliches. Erst dann sah er zu den Truhen an der Wand.

Zwei zeigten Spuren, als hätte man sie erst vor Kurzem geöffnet. Die dritte schien unberührt.

Kein Wunder. Sie war die schlechteste von allen: ein verzogener Deckel, ein gebrochenes Scharnier, eine Seite von getrocknetem Leim verschmiert. Saeron bewahrte darin fehlerhafte Bretter auf, gerissene Bildträger und alles, was ein vernünftiger Mensch längst ins Feuer geworfen hätte.

„Auch ein Fehler ist noch Material“, sagte er immer, wenn Eiran versuchte, ein weiteres krummes Brett fortzuwerfen.

Jahrelang hatte Eiran darin eine philosophische Ausrede für bloße Sammelwut gesehen.

Jetzt kniete er sich neben die Truhe.

Ihr Inhalt entsprach größtenteils seinen Erwartungen: Bretter mit rissiger Grundierung, ein paar krumme Leisten und zwei kleine Leinwände. Er schob sie ohne großes Interesse beiseite, bis er auf einer der Holztafeln ein Stück zeremonieller Kleidung entdeckte.

Er zog sie heraus.

Meran.

Diesmal in Farbe.

Das Gesicht war kaum begonnen, doch den Oberkörper und die Falten der Kleidung hatte Saeron viel sorgfältiger ausgearbeitet. Unter dem linken Ohr lag eine rote Spur.

Eiran hielt die Tafel ins Nordlicht.

Durch die oberste Farbschicht schimmerte eine frühere Fassung der Wunde, etwas höher angesetzt. Noch tiefer konnte er die Spur eines weiteren Versuchs erkennen.

Saeron hatte sie nicht nur einmal gemalt. Er hatte ihre Lage korrigiert.

Er hatte nach ihr gesucht.

Eiran drehte die Tafel um und spürte, wie sich sein Magen langsam zusammenzog. Nicht vor jähem Entsetzen, sondern vor der unangenehmen Gewissheit, etwas wiederzuerkennen.

Auf der Rückseite waren drei Striche: zwei parallele, von einem dritten gekreuzt.

Sein Zeichen.

Er erinnerte sich an diese Bretter. Er hatte die Grundierung falsch angerührt, aber hartnäckig behauptet, sich an die Anweisungen gehalten zu haben. Statt zu streiten, hatte Saeron ihm aufgetragen, jedes an diesem Tag vorbereitete Brett zu kennzeichnen.

„Wenn sie anfangen zu reißen, weißt du wenigstens, mit wem du streiten musst.“

Fast alle waren gerissen.

Das war lange vor Merans Ermordung gewesen.

Eiran strich mit dem Daumen über sein altes Zeichen.

Das Brett selbst klärte allerdings wenig. Saeron konnte es viel später hervorgeholt und die Wunde erst nach Merans Tod hinzugefügt haben.

Das konnte er.

Eiran hielt das Bild in einem anderen Winkel. In der roten Farbe erkannte er feine Risse, die den Schäden in der Grundierung folgten, doch er wusste zu wenig über das Altern von Pigmenten, um seinem eigenen Urteil zu trauen.

Saeron hätte es erkennen können.

Der Gedanke ärgerte ihn beinahe so sehr, wie er ihn erschreckte.

„Was habt Ihr getan?“, sagte er leise.

Das Atelier antwortete mit dem Knacken des Holzes im Kamin.

Er legte die Tafel mit Merans Studie ab und griff beinahe sofort wieder danach.

Er hatte keinen Beweis. Er hatte etwas Unbequemeres: einen Grund, weiter Fragen zu stellen.

Er ging in den Teil des Ateliers, in dem Saeron die Arbeiten aufbewahrte, die nicht für den Hof bestimmt waren. Dort lagen Studien von Straßen, alten Mauern, Brücken, Dächern und den Gesichtern von Menschen, deren Namen im Palast niemand kannte.

Nun sah er sie langsamer durch und suchte nach Wiederholungen statt nach einem bestimmten Bild.

Saeron konnte monatelang zu einem Motiv zurückkehren, als hätte das Bild sich beim ersten Mal geweigert, ihm zu antworten. Manchmal interessierte ihn die Haltung zweier Hände, manchmal ein Schatten, der in einem bestimmten Winkel fiel, oder das Gesicht eines Menschen, den er nur einmal gesehen hatte.

Auf mehreren Skizzen erkannte Eiran dasselbe Tor.

Er kannte es gut. Es führte in den alten Teil der Stadt, wo in den unteren Geschossen der Häuser Färber und Gerber arbeiteten. Der Geruch ihrer Werkstätten erreichte einen Vorübergehenden meist früher als der Anblick ihrer Schilder.

Die erste Studie zeigte nichts Ungewöhnliches: das Tor, einen Wagen und einen Wächter, der lässig an der Mauer lehnte. Die zweite unterschied sich nur in der Perspektive.

Die dritte war in Öl gemalt.

Eiran zog die Tafel heraus.

Das Tor stand noch unversehrt. Kein Feuer, keine Panik, keine einstürzende Mauer. Eine Frau trug einen Korb, ein Kind zog ein Holzspielzeug hinter sich her, und ein Mann führte einen Esel am Zaum. Saeron hatte einen gewöhnlichen Tag so überzeugend festgehalten, dass Eiran das Bild beinahe beiseitegelegt hätte, ohne genauer hinzusehen.

Dann bemerkte er die Schatten.

Der Korb warf einen Schatten auf das Pflaster. Das Kind ebenfalls. Der Schatten des Esels erstreckte sich zum Brunnen hin, und selbst der dünne Holzpfosten neben der Mauer warf einen Schatten, der zur Richtung des Lichts passte.

Nur das Tor warf keinen.

Eiran trug das Bild näher ans Fenster.

Er suchte nach einem Fehler in der Perspektive, nach einer Stelle, an der Saeron noch dunklere Farbe hatte auftragen wollen, oder nach einer bloßen Ungenauigkeit, die in einer unvollendeten Studie stehen geblieben war.

Er fand nichts dergleichen.

Das Tor stand in einem Licht, das zu wissen schien, was es mit allem anderen anfangen sollte.

Eiran drehte die Tafel um.

Kein Datum, keine Signatur, keine Notiz. Nur ein dunkler Schmierfleck, den ein Finger hinterlassen hatte.

Es konnte ein Versuch sein, ein Fehler oder eine Arbeit, die auf halbem Weg liegen geblieben war. Doch je länger er hinsah, desto weniger glaubte er an einen Zufall.

Im Hof klopfte etwas.

Er senkte die Tafel und lauschte.

Nach wenigen Sekunden folgte ein zweites Geräusch, leiser als das erste. Metall berührte Stein.

Er ging nicht unmittelbar ans Fenster. Er stellte sich neben den Rahmen und blickte schräg nach draußen.

An der gegenüberliegenden Mauer stand ein Mann in einem Mantel, der hoch am Hals geschlossen war, zu hoch für das milde Wetter. Er sah nicht zum Atelier. Eigentlich tat er gar nichts.

Gerade diese Untätigkeit fiel Eiran auf.

Wer wartete, sah sich gewöhnlich um, zupfte seine Kleidung zurecht oder verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Dieser Mann bewegte sich kaum.

Kurz darauf erschien ein zweiter Mann im Hoftor.

Der erste blieb an der gegenüberliegenden Mauer. Der zweite ging auf den Eingang zum Atelier zu. Wenig später erschien ein dritter im Hoftor und folgte ihm.

Eiran trat vom Fenster zurück.

In der Ferne erklang die Glocke einer Stadtpatrouille. Jemand schloss das Eisengitter eines Ladens, und über den Dächern sammelte sich der Rauch der Abendfeuer. Die Stadt ging dem Abend entgegen, ohne zu ahnen, was in einem ihrer Ateliers geschah.

Schritte näherten sich der Tür.

Eiran sah auf die Arbeiten, die vor ihm lagen: die gemalte Studie Merans, das Bild des Tors, mehrere Skizzen und ein kleines Notizbuch an der Wand. Er wusste nicht, was davon wichtig war. Er war nicht einmal sicher, ob die beiden Bilder, die seine Aufmerksamkeit geweckt hatten, überhaupt etwas bedeuteten.

Die Klinke bewegte sich.

Er entschied sofort.

Er nahm Merans Studie und das Bild des Tors und schob beide Tafeln in eine Hülle aus Segeltuch, in der man kleine Arbeiten transportierte.

Hinter der Tür schabte Metall.

Er sah noch einmal zum Notizbuch. Eine Sekunde lang wollte er zurück und es holen, doch dahinter lagen Skizzen, Proben und weitere Schubladen.

Er hatte keine Zeit, ein zweites Mal zu wählen.

Das Holz ächzte unter dem Druck.

Eiran rannte zur Rückwand.

Durch die niedrige Ladeluke brachte man Rahmen und größere Leinwände in den Hof hinaus. Seit Jahren sagte Saeron, man müsse sie verbreitern, und fand dann zuverlässig Wichtigeres zu tun.

Eiran schob den Riegel zurück und drückte die Hülle nach draußen.

Hinter ihm krachte etwas.

Die Tür gab nach.

Er zwängte sich seitwärts durch die Öffnung und stieß mit dem Oberarm an den Steinrahmen. Schmerz breitete sich in seiner Schulter aus, doch er wurde nicht langsamer. Er packte die Hülle und presste sich unterhalb des Fensters an die Wand.

Im Atelier waren Schritte zu hören.

Sie eilten nicht.

Das war beunruhigender als Hast.

Eine Truhe schrammte über die Dielen, dann eine zweite. Ein paar Worte drangen zu ihm, doch die Steinwand und die Entfernung verwischten ihren Sinn.

Eiran schob sich hinter einen Stapel leerer Rahmen und wartete.

Er hörte Papier rascheln, eine Schublade aufgehen, einen weiteren Schritt.

Nach einem Moment sprach einer der Männer deutlicher.

„Nicht hier.“

Kurze Stille.

„Such weiter.“

Eiran wusste nicht, wonach sie suchten, und wollte nicht lange genug bleiben, um es herauszufinden.

Er drückte die Hülle an seine Seite und schob sich an der Mauer entlang, im Schatten des Nachbargebäudes. Erst hinter dem Hoftor wurde er schneller.

Er rannte in eine schmale Gasse zwischen den Häusern. Ein offener Abfluss durchquerte das Pflaster, aus einer nahen Werkstatt kam der Geruch heißen Talgs, und aus einem Fenster im Obergeschoss hing feuchte Wäsche. Jemand trug Kisten auf die Straße und fluchte, als Eiran beinahe in ihn hineinlief.

Er sah sich nicht um. Die Hülle schlug ihm bei jedem Schritt gegen die Hüfte.

Erst hinter der zweiten Kreuzung wurde er langsamer. Er lauschte und versuchte, eine mögliche Verfolgung von den gewöhnlichen Straßengeräuschen zu unterscheiden.

Er hörte nichts Verdächtiges.

Dann fiel ihm Lira wieder ein.

Seine Erleichterung erlosch sofort.

Er beschleunigte den Schritt.

Er überquerte die Straße, bog an einem Haus mit einem steinernen Laubengang ab und lief ein paar flache Stufen hinunter.

Der Stand, an dem er sie zuletzt gesehen hatte, war leer.

Er blieb so abrupt stehen, dass die Hülle gegen seine Rippen schlug.

„Lira?“

Sie antwortete nicht.

Er ging näher. Er war sicher, dass es die richtige Stelle war. Neben der Mauer lag dasselbe Stück Holz, und eines der Fässer stand etwas weiter von ihr entfernt als zuvor.

Er sah dahinter.

Niemand.

„Lira!“

Diesmal wandten mehrere Menschen den Kopf, doch er sah sie nicht unter ihnen.

Weiter hinten lag ein schmaler Durchgang zwischen den Gebäuden, kaum mehr als ein Spalt zwischen zwei Mauern. Ein Erwachsener hätte sich seitwärts drehen müssen, um hindurchzukommen.

Eiran blickte hinein.

Er sah nur Dunkelheit und ein Stück nasses Pflaster.

Er rief noch einmal.

Keine Antwort.

Er trat zurück auf die Straße und versuchte sich zu überlegen, wohin Lira in ihrem Zustand gegangen sein konnte. Er glaubte nicht, dass sie weit gekommen war.

Nicht allein.

Dieser Gedanke war schlimmer als der vorherige.

Er hatte ihr versprochen zurückzukommen.

Er war zurückgekommen.

Eiran blickte hinter sich.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann.

Er konnte nicht sagen, ob er ihn schon einmal gesehen hatte. Als sich ihre Blicke beinahe trafen, wandte der Fremde den Kopf und ging langsam in die entgegengesetzte Richtung.

Er konnte ein gewöhnlicher Passant sein.

Eiran sagte sich, er würde zurückkommen und weitersuchen. Zuerst wollte er allerdings sichergehen, dass ihm niemand folgte.

Er ging weiter und presste die Hülle unter den Arm.

Auf einer Tafel hatte Saeron Merans Wunde so gemalt, dass Eiran es sich nicht mehr ohne Weiteres erklären konnte. Auf der anderen stand ein gewöhnliches Tor inmitten eines gewöhnlichen Tages und warf als Einziges keinen Schatten.

Noch bewies keines der Bilder etwas.

Beide genügten, um die einfachsten Erklärungen unbequem werden zu lassen.

Eiran verschwand um die Ecke.

Erst als seine Schritte verklungen waren, bewegte sich tief im Spalt zwischen den Gebäuden ein Fetzen schmutzigen Stoffs.

Nach einem Moment lag die Dunkelheit wieder still.