Elaris · Kapitel VIII
Kapitel VIII
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Szene I
„Seit wann nehmt ihr heute Wagen an?“
Der Mann am Tor antwortete nicht sofort. Mit einer Hand hielt er den Torflügel, mit der anderen schob er einen Sack beiseite, den zwei Arbeiter trugen. Der Stoff streifte den Pfosten und hinterließ einen feuchten Strich auf dem Holz.
„Schon vor dem Glockenschlag.“
„Welchem?“
„Dem ersten.“
Eiran sah kurz zur Stadt hinüber. Der zweite Glockenschlag war eben verklungen. Die Sonne stand schon hoch, doch zwischen die Lagerhäuser fiel ihr Licht nur in schmalen Streifen. Am Tor war der Schlamm noch nass.
„Ein Wagen unter einer Plane. Mit einem hellen Brett an der hinteren Bordwand. Ist der hier durchgekommen?“
Der Mann trat beiseite, um die Arbeiter durchzulassen.
„Viele Wagen haben Bretter.“
„Das war neu. Der Rest der Bordwand dunkel.“
„Kann mich nicht erinnern.“
Die Arbeiter stellten den Sack hinter dem Tor ab. Einer rieb sich die Schulter, der andere sah zur Straße zurück. Die nächste Ladung wartete bereits.
Eiran holte eine Münze hervor und legte sie auf den Stein neben dem Pfosten.
Der Mann sah auf das Geld.
„Wofür?“
„Damit du dich einen Augenblick lang erinnerst.“
„Ich stehe erst seit dem zweiten Glockenschlag hier.“
Eiran ließ die Münze liegen.
„Wer war vorher hier?“
„Der von der vorigen Schicht.“
„Wo finde ich ihn?“
„Drinnen oder zu Hause. Hab nicht nachgesehen.“
Seine Fingernägel waren rissig. Als er die Hand auf den Pfosten stützte, drückte das Holz die Haut am Daumen zurück und legte einen flachen, schmutzigen Riss frei. Der Mann zog die Hand weg und hielt das Tor mit der Schulter auf.
„Schreibt ihr die Transporte auf?“
„Die Wareneingänge.“
„Wo?“
Er deutete mit dem Kopf ins Lagerhaus.
Hinter zwei Wagen stand ein schmaler Tisch. Darauf lag ein Verzeichnis, beschwert mit einem Metallgewicht. Der Mann, der sich über das Blatt beugte, hatte die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Die Arbeiter traten einzeln zu ihm, sagten etwas und gingen wieder. Er hob den Kopf nicht.
„Kann ich die Einträge sehen?“
„Bist du für die Register zuständig?“
„Nein.“
„Dann nicht.“
Eiran wich einem leeren Wagen aus. Das Pferd ging mit gesenktem Maul über den Schlamm. An der hinteren Bordwand war kein helles Brett. Eiran folgte ihr mit den Augen, bis sie hinter dem zweiten Gespann verschwand.
„Ich suche ein Mädchen.“
Der Mann sah noch immer zur Straße.
„Hab sie hier nicht gesehen.“
„Ich habe noch gar nicht gesagt, welches.“
„Gar keins.“
Eiran wartete, bis die Männer mit dem nächsten Sack vorbeigegangen waren.
„Sie wurde in der Nacht mitgenommen. Ihr Gesicht war zerschlagen. Ihr Wams könnte zerrissen gewesen sein. Man hat gesehen, wie Männer sie zu einem Wagen führten.“
Er nannte ihren Namen nicht.
Der Torwächter sah ihn länger an als zuvor, dann zum Tisch mit dem Verzeichnis.
„Und du willst sie unter den Wareneingängen suchen?“
„Ich will den Wagen finden.“
„Dann frag den, der ihn gesehen hat.“
„Das tue ich.“
Der Mann presste die Lippen zusammen. Hinter ihm rief jemand, er solle das Tor weiter öffnen. Er trat zur Seite und drückte mit der Schulter gegen das Holz. Eiran musste ihm Platz machen.
Ein Handkarren mit Kisten wurde durch das Tor geschoben. Ein Rad sank neben dem Pfosten ein. Der Arbeiter riss am Griff, fluchte und versuchte es noch einmal. Der Torwächter stemmte den Stiefel unter das Rad. Erst als der Karren durch war, sah er Eiran wieder an.
„Hier wird Ware angenommen. Säcke, Fässer. Keine Mädchen.“
„Aber der Wagen muss doch irgendwo durchgefahren sein.“
„Er kann weitergefahren sein.“
Auf der Straße hielt ein Wagen mit leeren Fässern. Der Fuhrmann beugte sich zur Seite, prüfte, ob er genug Platz hatte, und bog um die Ecke des Lagerhauses. Die hintere Bordwand war dunkel. Aus einem Fass tropfte Wasser und hinterließ eine kurze Linie im Schlamm. Die nächsten Räder zerfuhren sie fast sofort.
Der Torwächter griff nach der Münze. Er drehte sie zwischen den Fingern und steckte sie ein.
Eiran sah auf seine Hand.
„Ich habe deinen Wagen nicht gesehen.“
„Ich weiß.“
„Dann lass die Leute durch.“
Eiran trat vom Pfosten zurück.
Er hatte die Einträge nicht gesehen und niemanden gefunden, der sich an das helle Brett erinnerte. Der Torwächter konnte ihn abgewimmelt haben. Er konnte auch die Wahrheit sagen und ihm einfach nichts zu erzählen haben. Eiran sah noch einmal zurück. Der Mann half bereits, die nächste Ladung hindurchzuschieben.
Die Wunde zwischen Daumen und Zeigefinger meldete sich, als er die Hand schloss. Er streckte die Finger. An den Rändern des Schnitts war die Haut steif.
Er könnte versuchen, zu dem Mann am Verzeichnis zu gelangen. Dafür müsste er vor den Augen des Torwächters über den Hof gehen, der bereits wusste, weshalb er gekommen war. Er könnte auch zur Färberei zurückkehren und nach den Gemälden sehen.
Er blickte zum Fluss.
Die Dielen über dem Versteck hatten so gelegen, wie er sie zurückgelassen hatte. Jedenfalls noch, als er fortging. Der Gedanke an eine Rückkehr kam jedes Mal, wenn er nicht wusste, was er als Nächstes tun sollte. Er müsste nur die Dielen anheben, beide Gemälde sehen und sich einen Augenblick lang keine Fragen mehr stellen.
Danach müsste er wieder ohne Lira fortgehen.
Er ging am Lagerhaus entlang in die Richtung, in die der Wagen mit den Fässern abgebogen war.
Unter dem vorspringenden Dach stapelten Arbeiter aufgerolltes Leinen. Die Bündel lagen an der Wand, mit Abstand zur Dachrinne, aus der schmutziges Wasser tropfte. Weiter hinten befand sich eine schmale Pforte. Durch die Öffnung waren die Rückwände der Gebäude und ein Stück eines gepflasterten Durchgangs zu sehen.
Eiran ging langsamer.
Beim Verzeichnis stand ein zweiter Mann mit einer Schreibtafel in der Hand. Er zählte die Säcke, die vorbeigetragen wurden. Alle paar Augenblicke sah er zur Pforte, dann wieder zur Ladung. Es war nicht derselbe Mann, der das Haupttor bewachte.
Eiran blieb beim Leinenstapel stehen. Von hier konnte er sich den Durchgang ansehen, ohne sich davorzustellen.
Der Wagen mit den Fässern war irgendwohin weitergefahren. Die Räder hörte er nicht mehr. Hinter dem Lagerhaus schob jemand etwas Schweres über Stein, doch die Wand versperrte die Sicht.
Einer der Arbeiter drehte sich mit einem Bündel im Arm um.
„Nimm.“
Eiran zögerte nur einen Augenblick. Er schob den gesunden Arm unter das aufgerollte Leinen. Das Gewicht zog ihn zur Seite; mit der anderen Hand stützte er es unwillkürlich von unten.
„Dort. Auf die anderen.“
Er ging drei Schritte und legte das Bündel auf den Stapel. Die Wunde brannte. Auf der Haut sammelte sich ein dünner Blutstreifen.
Der Arbeiter sah ihn nicht einmal an. Er ging bereits zurück, um die nächste Ladung zu holen.
Das Leinen roch säuerlich nach Öl und nassen Fasern. Eiran ließ die Finger einen Augenblick darauf liegen. Saeron hätte den Rand aufgerollt, ihn zwischen Daumen und Nagel gerieben. Er hätte gewusst, ob man den Stoff noch trocknen konnte oder ob er schon weggeworfen werden musste.
Eiran dachte an ihn, wie er über den Tisch gebeugt stand, den Kopf zum Fenster gewandt. Er konnte ihn sich im Atelier so leicht vorstellen, dass ihm einen Augenblick lang alles andere wie ein Irrtum vorkam. Dann ließ jemand eine Kiste fallen, und der Mann mit der Schreibtafel drehte den Kopf.
Eiran nahm die Hand vom Leinen. Er wischte das Blut an der Innenseite des Ärmels ab.
Er wusste nicht, was mit Saeron geschah. Ihm waren die Gemälde geblieben und das, was er selbst gesehen hatte. Er konnte noch nicht sagen, wie viel davon er verstand.
Am Tor hatte er einem Fremden Lira beschrieben. Gleich würde er es wieder tun müssen, bei jemand anderem. Noch ein paar solcher Gespräche, und er wäre nicht mehr der Einzige, der wusste, wen er suchte.
Er sah zur Pforte.
Der Mann mit der Schreibtafel zählte wieder. Eiran ging mit den Arbeitern weiter. Am nächsten Stapel löste er sich von ihnen und ging weiter, ohne schneller zu werden.
Niemand rief ihn zurück.
Er ging durch die Pforte.
Auf der Rückseite war es kühler. Zwischen den Wänden hing der Geruch von nassem Holz und Wasser, das in flachen Rinnen stand. Von vorn drangen Stimmen herüber, nun vom Gebäude gedämpft. Hier gab es keinen Tisch und keine Menschen, die bei der Ware warteten. An der Wand reihten sich unbeschriftete Türen.
Eiran blieb ein paar Schritte hinter dem Durchgang stehen und sah über die Schulter zurück. Durch die Pforte sah er nur den Rand des Leinenstapels. Der Mann mit der Schreibtafel war nicht gekommen, um nachzusehen, wohin er gegangen war.
Er ging weiter.
Auf der nächsten Schwelle lag nasser Sand. Jemand hatte ihn mit dem Stiefel auseinandergetragen. Ein Abdruck war fast vollständig erhalten, der andere brach am Rand des Steins ab.
Eiran sah den Durchgang entlang. Jeder, der im Lagerhaus arbeitete, konnte an diese Tür treten. Die Spuren sagten ihm noch nichts über Lira.
Er betrachtete die Scharniere, dann das Schloss. Die Klinke drückte er nicht hinunter.
Wenn er weiterging, könnte jemand über den Sand laufen, bevor er zurückkam.
Er kniete sich neben die Schwelle, vorsichtig, um die Abdrücke nicht zu beschädigen. Die verletzte Hand stützte er auf den Oberschenkel.
Zuerst betrachtete er den vollständigen Abdruck. Dann rückte er näher an die Tür, zu dem, der am Rand abbrach.
Er konnte nicht erkennen, wer die Abdrücke hinterlassen hatte. Er könnte die nächsten Schwellen untersuchen, doch an jeder Tür würde dieselbe Frage zurückkehren. Er brauchte jemanden, der den Wagen gesehen hatte.
Er stand auf, ohne sich mit der verletzten Hand abzustützen. Von vorn hörte er noch immer die Stimmen der Arbeiter. Er musste wieder mit ihnen reden, bevor diese Leute sich zerstreuten. Er ging von der Schwelle fort.
Szene II
Eiran war an dem Kater vorbeigegangen, ehe er dessen Kopf wiedererkannte.
Das Tier lag unter einer leeren Bank am Markt. Zwischen seinen Vorderpfoten klebte ein Papierfetzen auf dem Pflaster. Es versuchte, daran zu lecken. Das Papier hob sich mit der Zunge und fiel wieder zurück.
Eiran blieb zwei Schritte weiter stehen.
Er war von den Lagerhäusern gekommen. Dort hörte man die Fragen nach dem Mädchen schon nicht mehr, sobald er sie zu Ende gestellt hatte. Also war er zum Markt beim Atelier zurückgekehrt, zu der Händlerin, die Lira kannte. Er wollte nach anderen Leuten vom Markt fragen, nach denen, die er beim ersten Gespräch nicht angetroffen hatte. Ihr Stand war bereits abgebaut, und sie saß auf einem niedrigen Schemel und nähte einen aufgeplatzten Sack zu.
Der Kater kroch tiefer unter die Bank. Hinter dem Kopf ragten die Schulterblätter scharf unter dem schmutzigen Fell hervor. Eiran erinnerte sich an diesen Kopf über dem Schüsselrand, breit und verschlafen, wenn Saeron das Atelier vor Tagesanbruch öffnete.
Er ging in die Hocke. Seine Beine zitterten so heftig, dass er sich an der Bank festhalten musste.
„Bolek?“
Ein Ohr drehte sich zu ihm. Unversehrt, mit einem Strohhalm, der am Rand klebte. Der Kater kam nicht hervor.
Eiran legte die Hand auf den Stein. Zu nah. Bolek zog die Pfoten zurück, öffnete das Maul und gab einen dünnen, heiseren Laut von sich.
„Gut. Ich warte.“
Er lehnte sich neben der Bank an die Wand. Vom Dach tropfte ihm Wasser in den Nacken, obwohl der Regen schon früher aufgehört hatte. Zwischen den Brettern hatte sich Wasser gesammelt. Er zog den Kragen vom Hals weg und sah zum Atelier hinüber.
Von hier sah er nur ein Stück der Wand und die Ecke eines Fensterladens. Er hatte nicht vor, näher hinzugehen. Am gegenüberliegenden Rand des Marktes rückte ein Mann das Geschirr eines Maultiers zurecht. Das tat er schon, seit Eiran zwischen die Stände getreten war. Vielleicht rückte er einfach nur das Geschirr zurecht.
Bolek leckte wieder am Papier.
Eiran stand auf und ging zur Händlerin.
„Habt Ihr Wasser?“
Sie hörte nicht auf zu nähen. Mit dem Kinn deutete sie auf einen Krug unter dem Schemel.
„Und etwas Flaches.“
Die Nadel hielt im Sack inne.
„Zum Trinken“, fügte er hinzu.
Sie reichte ihm eine angeschlagene Tonschüssel ohne Henkel. Er schob eine Münze unter das Garnknäuel daneben, bevor sie ihre Arbeit wiederaufnehmen konnte.
„Auch für die Schüssel?“
„Auch für die Schüssel.“
Er goss nur wenig hinein. Auf dem Rückweg hielt er das Gefäß mit beiden Händen. An der rechten Hand spannte die Haut beim Schnitt mit jeder Bewegung des Daumens; er spreizte die Finger, und Wasser schwappte über den angeschlagenen Rand. Der braune Strich war noch immer zu sehen. Er wischte die Hand an der Hose ab.
Er stellte die Schüssel ans Ende der Bank, außerhalb der Reichweite seiner Knie.
Bolek beschnupperte zuerst den Stein. Dann streckte er den Hals. Er trank gierig, mit kleinen, ruckartigen Zungenbewegungen, bei denen sich der ganze Kopf bewegte. Eiran sah das helle Kinn und die verklebten Haare an der Brust. Der cremefarbene Fleck war unter dem grauen Belag fast verschwunden.
Aus der Nähe roch der Kater nach einem nassen Lappen, den man in einer geschlossenen Truhe vergessen hatte. Auf der einen Flanke verschwanden dunkle Streifen unter getrocknetem Schlamm, auf der anderen war das Fell bis auf einen kurzen Flaum abgescheuert. Eiran rückte die Schüssel zurecht, damit ihr Rand ihm nicht gegen den Hals drückte.
„Wo bist du denn hineingeraten?“
Er berührte ihn noch nicht. Er sah zu, wie sich die Flanken bewegten. Er wartete auf den Laut, den er aus dem Atelier kannte: ein raues Brummen, das gewöhnlich einer Forderung nach Futter oder nach einem Platz auf dem Schemel vorausging. Bolek trank nur.
Der Mann mit dem Maultier ging endlich über den Markt. Er hielt das Tier am nächsten Stand an und verschwand dann hinter einer aufgerollten Plane aus Eirans Blick. Eiran sah ihm nach. Als er wieder unter die Bank blickte, stand der Kater mit beiden Vorderpfoten an der Schüssel.
Er streckte die linke Hand aus und ließ ihn an den Knöcheln schnuppern.
Die raue Zunge strich über die Haut. Einmal, kurz. Bolek hob den Kopf. In den großen olivgrünen Augen spiegelte sich ein helles Rechteck zwischen den Dächern.
Eiran sah hinein, als er Kälte unter dem Bauch spürte.
Dicht vor ihm war ein Astloch in einem Brett. In der dunklen Vertiefung lagen Staub und ein Krümel getrockneter Farbe. Über ihm hing ein Lappen, zu hoch, als dass er ihn hätte erreichen können. Er bewegte sich. Weiter hinten stand ein Bein von Saerons Tisch, um das dicht am Boden eine ausgefranste Schnur gewickelt war.
„Bolek.“
Die Stimme des Meisters kam von oben.
Unter der Tischplatte erschien eine Hand. Auf einem Finger war ein breiter Streifen heller Farbe. Eiran wollte sich aufrichten und fragen, wo sie ihn festhielten, doch das Gewicht seines Körpers blieb unten. Die Erleichterung war so heftig, dass er einen Augenblick lang gar nicht mehr zu sprechen versuchte.
Die Hand zog sich zurück, bevor er das Gesicht sehen konnte.
Der Boden war jetzt glatt und kalt. Es roch nach Wasser, Asche und nasser Wolle, die zu nah am Feuer getrocknet wurde. Die Schüssel wackelte auf ihrem unebenen Boden. Bei jeder Bewegung schlug sie gegen die Steinplatten: zwei kurze Klopflaute, der zweite leiser als der erste.
„Bolek. Na komm.“
Eine andere Stimme, tiefer, rau beim letzten Laut. Neben der Schüssel blieb ein Stiefel stehen. Jemand ging in die Hocke; dickes Wolltuch streifte den Stein.
Eiran versuchte, sich auf die Hand zu stützen.
Er fand sie nicht.
Über ihm kniete ein junger Mann. Sein Mantel stand offen, am Kragen war ein dunkler Wasserfleck. Haare fielen ihm in die Augen. Er schob sie mit der Innenseite des Handgelenks zurück und beugte sich dann noch ein wenig weiter vor.
Es war seine eigene Bewegung.
Er sah sein eigenes Gesicht so nah, dass er die kleinen Risse in der Unterlippe hätte zählen können. Die Lippen bewegten sich.
„Bolek?“
Er hörte sich selbst, obwohl sich in seiner Kehle nichts geregt hatte.
Hinter der Schulter des Knienden verlief ein schmaler, blasser Streifen. Das untere Ende verschwand unter der Bank, das obere am Kragen. Er erinnerte an einen Spalt, doch als Eiran nach seinen Rändern suchte, sah er nur Licht.
Die Schüssel scharrte über das Pflaster.
Er schlug mit dem Knie auf den Stein. Die rechte Hand hielt den Rand des Gefäßes umklammert, und gerade kippte er es. Das Wasser floss unter die Bank.
Bolek wich davor zurück und schüttelte die nasse Pfote.
Eiran ließ die Schüssel los.
Einen Augenblick lang verstand er nicht, weshalb die Finger so hoch waren, an seinem eigenen Knie. Er stützte beide Hände auf das Pflaster. Unter dem Ballen der linken spürte er einen Kiesel, unter der rechten eine raue Fuge. Der Schnitt brannte.
Er drehte den Kopf.
Hinter ihm war eine Mauer mit einem rostbraunen Streifen unter einem Nagel, der in einen Balken geschlagen war. Weiter hinten hing die aufgerollte Plane des Marktstands. Ihr Rand hob sich leicht von der Wand ab. Nichts leuchtete.
„Wenn du sie zerschlägst, zahlst du die zweite auch.“
Die Händlerin sah auf die Schüssel. Eiran hob sie auf und zeigte, dass sie heil war. Erst dann bemerkte er das Zittern seiner Hand.
„Noch ein wenig Wasser.“
Die Frau deutete mit derselben Nadel auf den Krug.
Er stand zu schnell auf. Er musste nach der Kante der Bank greifen. Bolek zwängte sich an seinem Stiefel vorbei und begann, das verschüttete Wasser aus einer Vertiefung im Stein zu lecken.
Eiran sah ihm zu, bis das Rauschen in seinen Ohren nachließ.
Saeron war am Tisch gewesen.
Die Erinnerung an die Stimme blieb deutlicher als die Worte der Frau. Eiran hob den Blick zur Ecke des Ateliers. Er kannte diesen Tisch. Auch die Schnur um das Bein kannte er; er hatte sie selbst einmal festgezogen, als das ausgetrocknete Holz zu wackeln begann. Er könnte zur Tür gehen, das Ohr dagegenlegen.
Er löste die Hand von der Bank.
Er erinnerte sich an den Meister hinter dem Gitter der Arrestkammer. An den Wächter neben der Tür.
Er ging zurück, um Wasser zu holen. Am Krug suchte er lange Halt am Henkel der Schüssel, den es nicht mehr gab. Seine Finger trafen auf den angeschlagenen Vorsprung und glitten ab, bevor ihm einfiel, wie er sie gerade eben getragen hatte.
Die Händlerin legte den Sack beiseite.
„Hast du heute gegessen?“
„Ja.“
Sie fragte nicht, wann. Sie sah nur auf die Münze, die noch immer unter dem Garn lag, und nähte weiter.
Eiran stellte das Wasser vor Bolek hin. Diesmal hielt er die Schüssel von unten. Der Kater schob ihm den Kopf zwischen die Hände, als versperrten sie den Zugang zu der einzigen Sache, die Beachtung verdiente.
Aus der Nähe war die Linie der Wirbelsäule zu sehen. Eiran strich mit den Fingern über das Fell und mied die abgescheuerte Stelle an der Flanke. Bolek hörte einen Augenblick auf zu trinken. Er hob die Hinterpfote, kratzte sich ungeschickt hinter dem Ohr und beugte sich wieder über das Wasser.
Eiran setzte sich auf die Fersen.
Er erinnerte sich an die Kälte des glatten Steinbodens, doch unter den Fingernägeln hatte er den Schmutz des hiesigen Pflasters. Er drehte die Schüssel um. Ihr Boden war flach. Vorsichtig stellte er sie hin; sie wackelte nicht.
Er deckte den Schnitt mit den Fingern zu.
Vom Fluss her klirrte ein Reifen, der auf die Steine geworfen wurde. Bolek zuckte zusammen, verschüttete etwas Wasser und drängte sich an sein Bein. Eiran öffnete den Mantel. Er versuchte, eine Hand unter den Bauch des Katers zu schieben, doch das Tier drehte sofort den Kopf nach seinem Handgelenk.
„Ich weiß. Warte.“
Er schob die Mantelschöße unter die Pfoten und hob ihn erst dann mitsamt dem Stoff hoch. Der Kater war schwerer, als er aussah. Eiran rückte ihn im Arm zurecht, stützte sein Hinterteil mit dem Unterarm und spürte die Krallen durch das Hemd. Es tat weh. Er hielt ihn fester, ohne ihn gegen die Brust zu drücken.
Er konnte nicht auf dem kürzesten Weg zur Färberei zurückkehren. Nicht nachdem er hier offen dagesessen und Saerons Kater beim Namen gerufen hatte.
Er ging zur Händlerin. Bolek streckte den Kopf aus dem Mantel und schnupperte über ihrem Sack.
„Vorhin habe ich Euch nach Lira gefragt.“
„Ich erinnere mich.“
„Wer war noch auf dem Markt, als sie anfingen, nach ihr zu suchen?“
Die Frau steckte die Nadel in den Sack. Sie betrachtete den Kater und dann Eirans Gesicht.
„Stell die Schüssel ab. Du kannst doch nicht alles halten.“
Er tat es. Mit der angeschlagenen Seite zu sich.
Szene III
Die Frau zog die Nadel aus dem Sack und hielt sie zwischen den Fingern.
„Die angekommen sind, sind schon wieder weg. Die Fuhrleute kommen noch zurück.“
„Von der Brücke?“
„Nicht alle. Einer kam von dort zurück. Ich habe ihn zum zweiten Mal gesehen.“
Eiran rückte den Mantel unter Bolek zurecht. Der Kater legte das Kinn auf seinen linken Unterarm; die Hinterpfoten rutschten über den Stoff. Er schob den Ellbogen darunter und wartete, bis die Frau ihn wieder ansah.
„Was hatte er geladen?“
„War zugedeckt.“
„Viel?“
Die Händlerin stach die Nadel in die Naht.
„Unter die Plane habe ich nicht geschaut.“
Eiran sah zu der Straße hinüber, aus der er gekommen war. Von hier aus sah er Menschen zwischen den Ständen hindurchgehen. Ein Wagen war nicht zu sehen.
„Wie sah er aus?“
„Wie ein Wagen.“
Er sagte nichts von dem Brett. Die Frau zog den Faden durch, hielt ihn mit dem Fingernagel am Stoff fest und betrachtete das genähte Stück.
„Hinten war er ausgebessert. Ein Brett fast weiß. Der Rest nass oder schmutzig.“
Eiran spürte, wie Boleks Krallen sich im Hemd verfingen.
„So hat man ihn mir beschrieben. Ein Wagen unter einer Plane, mit einem hellen Brett.“
Die Frau legte den Sack auf ihre Knie.
„Wer?“
„Ein Mann, der gesehen hat, wie sie ein Mädchen zu dem Wagen führten.“
Am Brunnen wurde ein leerer Korb umgestoßen. Die Händlerin wartete, bis der Mann, der die verstreuten Stöcke aufsammelte, von ihrem Schemel zurücktrat.
„Ich habe kein Mädchen gesehen.“
„Ich weiß. Wohin ist er gefahren?“
„Zum Lagerhaus. In diese Straße.“
Sie zog die Nadel aus dem Sack und zeigte damit auf den Durchgang zwischen den Ständen.
„Vom Markt aus kommst du ans Tor. Die Wagen fahren rückwärts hinein, weil es zu eng zum Wenden ist.“
„Wann kam er zurück?“
„Da saß ich schon mit dem Sack hier.“
Eiran sah auf den zusammengelegten Marktstand. Die Frage nach dem Glockenschlag würde hier nichts genauer bestimmen. Die Frau konnte schon seit einer Stunde so arbeiten oder erst seit ein paar Augenblicken.
„Habt Ihr gesehen, wer vom Wagen gestiegen ist?“
„Der Fuhrmann. Dann haben sie mir die Sicht versperrt. Ich habe sie nicht gezählt.“
Er erfuhr nicht, ob jemand unter der Plane geblieben war. Eiran fragte nicht noch einmal danach. Bei den Lagerhäusern hatte er nach einem Wagen gesucht, der schon auf die andere Seite des Marktes zurückgekehrt sein konnte. Er musste sich das Tor ansehen.
Bolek regte sich und suchte Halt für die Pfoten. Eiran hielt den Mantel mit der rechten Hand fest. Der Stoff spannte die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger; er lockerte den Griff, ehe der Kater wieder zu rutschen begann.
Die Frau sah auf seine Hände.
„Lass ihn einen Augenblick hier.“
„Hier?“
„Bei den Säcken. Da bleibt er trocken.“
Hinter dem zusammengeklappten Tisch standen zwei Körbe. Die Händlerin rückte einen von der Mauer ab und breitete ein Stück Leinen darin aus. Eiran beugte sich mit Bolek hinunter, musste aber innehalten, um das Knie gegen die Tischkante zu stützen. Die Frau schob eine Hand unter das Hinterteil des Katers und hielt ihn, während Eiran den Mantel herauszog.
Bolek drehte sich im Korb um. Einen Moment lang suchte er mit der Pfote den Stoffrand, dann legte er sich so hin, dass der Kopf draußen blieb.
Eiran stellte die Schüssel unmittelbar daneben auf das Pflaster.
„Wie lange bleibt Ihr hier?“
„Bis die Lagerhäuser schließen. Die Naht wird nicht von allein fertig.“
„Ich bin vorher zurück.“
„Du holst ihn wieder ab. Ich kann ihn nirgendwohin mitnehmen.“
Er legte die zweite Münze neben das Fadenknäuel. Die Händlerin nahm sie und steckte sie in die Schürzentasche.
„Wasser fülle ich nach. Wenn er rauskommt, such ihn unter der Bank.“
Eiran sah den Kater an. Bolek hatte die Augen geschlossen, doch ein Ohr bewegte sich jedes Mal, wenn von der Straße ein Rumpeln herüberdrang.
„Das Tor dort. Kann man von einer anderen Seite dorthin kommen?“
„Zum Tor?“
„Auf die Straße dahinter.“
Die Frau zeigte mit dem Daumen hinter den zusammengeklappten Tisch.
„Durch den Hof der Lieferanten. Der andere Ausgang ist auf der gegenüberliegenden Seite. Solange sie tragen, kommst du durch. Lauf ihnen nicht vor die Füße.“
Eiran ging bis ans Ende des Tisches. Hinter den Säcken sah er den Eingang zum Hof. Ein Mann mit einem Korb machte gerade einem anderen Platz, der mit leeren Händen zurückkam.
Er ging zurück, um die Schüssel zu holen, obwohl sie schon beim Kater stand.
Seine Hand hielt über ihrem Rand inne.
„Wasser hast du dort“, sagte die Frau.
Er trank aus dem Krug. Den ersten Schluck bekam er nur mit Mühe hinunter, den nächsten behielt er länger im Mund. Er blieb bei dem Schemel stehen, bis seine Beine nicht mehr zitterten. Erst dann kaufte er bei einem Händler Brot, der seine Plane noch nicht zusammengerollt hatte. Er brach es mit der linken Hand auseinander und drückte es dabei gegen seine Seite.
Er aß und sah auf den Eingang zum Hof. Der letzte Bissen klebte ihm am Gaumen. Er ging noch einmal zum Wasser, trank aus und stellte den Krug unter den Schemel.
Bolek hob den Kopf nicht, als Eiran fortging.
Die bezeichnete Straße betrat er vom Markt aus. Vor dem Tor hielt ein Handkarren mit Säcken. Ein Mann zog den Torflügel von innen auf; der Lieferant schob den Karren über die Schwelle und verschwand dahinter. Einen Moment lang konnte Eiran den Hof sehen.
An der Wand stand ein mit einer Plane bedeckter Wagen. In seiner hinteren Bordwand saß ein helles Brett.
Er ging weiter, ehe sich der Torflügel zu schließen begann. Er sah weder Menschen bei dem Wagen noch das, was unter der Abdeckung lag. Es konnte das Brett sein, von dem der Lastträger gesprochen hatte.
Hinter dem Tor befand sich in derselben Mauer eine Pforte. Eiran ging daran vorbei, ohne stehen zu bleiben. Er trat nicht an das Schloss heran.
Die Straße führte an den Rand des Marktes. Dort bog er zwischen die Stände ein und kehrte zu dem Hof zurück, den ihm die Händlerin gezeigt hatte. Er ließ zwei Männer mit einer Last vorbei, ging hinter ihnen hinein und bis zum anderen Ausgang. Wieder stand er auf der Straße an der Pforte, weiter vom Tor entfernt. Er sah sich den Durchgang von dieser Seite an und ging dann denselben Weg zurück.
Beim Korb rückte die Händlerin das Leinen zurecht. Bolek hatte eine Pfote über den Rand geschoben.
„Er war dort“, sagte Eiran.
„Der Wagen?“
Er nickte.
Die Frau wandte sich wieder dem Sack zu. Sie fragte nicht nach dem Mädchen.
Eiran goss dem Kater Wasser nach. Er wusste jetzt, auf welchem Weg er Bolek in aller Eile wieder abholen konnte.
Er stellte sich neben die zusammengerollte Plane eines Standes. Er sah den Straßenabschnitt, über den sich jemand, der aus der Pforte kam, dem Markt nähern musste. Die Tür selbst sah er nicht.
Er konnte zum Tor zurückgehen und fragen. Er stellte sich vor, wie er Liras Gesicht erneut einem Mann beschrieb, der zuerst wissen wollte, in welcher Beziehung er zu ihr stand.
Allein würde er das Tor nicht aufbrechen können. Er kannte keinen anderen Ort, an dem er jetzt nach Lira suchen konnte. Er rückte näher an den Rand der Plane, um einen größeren Teil der Straße zu sehen.
Er blieb.
Er lehnte den linken Oberarm gegen das Holz. Die rechte Hand hielt er locker. Der Handkarren, der ins Lagerhaus gefahren war, kam nicht zurück. Erst nach einer Weile merkte er, dass er auch auf die Stimmen vom Brunnen lauschte und darauf wartete, dass sie die letzten Stände abzubauen begannen.
Szene IV
Der Fuhrmann wollte wissen, wie viele Bücher aufgeladen werden sollten.
Savel ließ ihn mit dem Wagen auf dem Hof zurück und wies ihn an, die Plane vorerst nicht abzunehmen. Vor der Einfahrt hatten sie warten müssen, bis ein Lieferant seinen Handkarren auf die Straße zum Markt hinausgezogen hatte. Das Seitentor war hinter ihnen abgeschlossen worden. Neben dem Tor befand sich in der Mauer eine niedrige Pforte für Fußgänger.
In der Kammer oberhalb der Treppe wartete Istran an einem leeren Tisch. Er legte eine Abschrift der Anordnung mit dem Siegel der königlichen Kanzlei darauf.
Savel las die ersten Zeilen. Am nächsten Morgen sollte die Überprüfung der genutzten Räume in den Lagerhäusern am Fluss beginnen. Die Zahl der Kammern, ihr Inhalt, die Namen der Verantwortlichen. Auch jene Räume waren zu öffnen, die nicht in den laufenden Verzeichnissen standen.
Der Abschrift war eine kurze Anlage beigefügt. Darin hatte man den Plan des Lagerhauses mit dem Raumverzeichnis abgeglichen und auf eine ausgelassene Kammer am unteren Korridor hingewiesen. Savel sah noch einmal auf das Datum der Besichtigung. Am Morgen würde jemand verlangen, dass diese Tür geöffnet wurde.
„Was hast du unten?“
„Ein Mädchen.“
Savel sah von dem Blatt auf.
„Das, das mit dem Lehrling gekommen ist?“
„Lira. Sie kennt den Weg, auf dem er die Tafeln hinausgetragen hat. Wenn er anfängt, nach ihr zu suchen, können wir ihn kriegen.“
Auf dem Tisch lag noch ein Bogen. Savel erkannte den Auftrag, den er selbst dem Fuhrunternehmer ausgestellt hatte. Bücher und Kanzleimaterial. Die Ladung war vor der Schließung der Lagerhäuser abzuholen.
Er strich die umgeknickte Ecke des Papiers glatt.
„Warum hast du mir das nicht gesagt, als ich den Wagen bestellt habe?“
„Ich brauchte einen Wagen.“
Savel zog den Bogen zu sich. Der Name des Fuhrunternehmers war deutlich geschrieben. Darunter hatte man Platz für die Empfangsbestätigung gelassen.
„Wenn sie ihn bei einer Kontrolle anhalten, zeigt er mein Papier vor.“
„Sie fahren nicht durch die Kontrollstelle.“
„Und wenn man sie trotzdem anhält?“
Istran nahm einen Schlüssel an einem kurzen Lederriemen vom Tisch.
„Zuerst müssen wir sie von hier fortschaffen.“
Er beantwortete die Frage nicht. Savel hielt den Auftrag fest, als der Riemen über den Bogen glitt. Sein Name blieb auf dem Dokument stehen, gleichgültig, welchen Weg der Wagen nehmen sollte.
„Der Fuhrmann hat nach den Büchern gefragt.“
„Er soll auf dem Hof warten.“
„Und was soll ich ihm sagen, wenn er sie sieht?“
Istran ließ die Hand mit dem Schlüssel sinken.
„Du hast ihn selbst ausgesucht.“
Savel sah auf seine Finger. Einen Moment lang wollte er diese Hand festhalten, ehe er ihr den Schlüssel abnahm. Istran wartete darauf, dass er hinunterging.
„Für den Transport von Büchern.“
Von unten drang ein dumpfer Schlag herauf. Dann knarrte eine Tür, und ein kurzer Wortwechsel folgte, zu undeutlich, um die Worte zu verstehen.
Istran sah zum Eingang hinüber.
„Wir haben Zeit, bis die Lagerhäuser schließen. Morgen früh ist es zu spät.“
Savel legte die Anordnung beiseite. Den Auftrag ließ er unter seiner Hand liegen.
„Meine Leute werden dieses Papier sehen, wenn der Fuhrunternehmer nach der Bezahlung fragt.“
„Du bezahlst ihn.“
„Wofür?“
Istran hielt ihm erneut den Schlüssel hin.
„Dafür, dass er den Wagen bereitgestellt hat. Den Rest rechnest du nach dem Transport ab.“
Das Metall berührte Savels offene Hand. Istran ließ den Riemen nicht sofort los. Savel musste die Finger unter den Schlüssel schieben, damit dieser nicht zwischen ihnen hindurchglitt.
„Die Seitenpforte?“
„Ja. Sieh zuerst nach, ob die Straße frei ist. Dann lass den Wagen näher an die Treppe fahren.“
Savel schloss die Hand. Der Schlüssel lag kühl an seinen Fingeransätzen.
Auf dem Hof rief der Fuhrmann dem Mann am Tor etwas zu. Savel hörte die Antwort nicht. Er faltete den Auftrag am vorhandenen Knick zusammen und steckte ihn in die Tasche. Er würde ihn nicht neben der Anordnung liegen lassen, in Istrans Reichweite.
„In welchem Zustand ist sie?“
„Das wirst du sehen.“
„Ich will sie sehen, bevor sie sie aufladen.“
Istran sah ihn über den Tisch hinweg an.
„Geh hinunter.“
Savel setzte sich nicht sofort in Bewegung. An der Tür waren wieder Stimmen zu hören. Unten verlangte jemand, dass der Weg freigemacht wurde.
Der Fuhrunternehmer wartete auf die versprochene Ladung. Das Mädchen sollte zu dem Wagen geführt werden, den Savel bestellt hatte. Savel ließ den Riemen durch die Finger gleiten. Istran wandte sich wieder dem Blatt mit dem Siegel zu. Mit dem Fingernagel richtete er dessen unteren Rand an der Tischkante aus.
Savel verließ die Kammer.
Szene V
Lira hielt die Finger still, als die Schritte vor der Tür verstummten.
Unter der Decke umschloss das Seil beide Handgelenke mit einer einzigen Schlinge. Sie hatten sie schon vorher gefesselt und waren dann wieder auf den Korridor gegangen. Sie warteten auf den Wagen. Einer hatte sich beklagt, dass sie die Gefangene herausführen sollten, bevor überhaupt jemand den Weg vorbereitet hatte.
Seitdem bearbeitete Lira den Knoten mit dem Nagelkopf. Die Spitze hatte sie bereits am Fingeransatz verletzt. Sie konnte sich die Wunde nicht ansehen. Sie hielt die Hände unter der Decke und bewegte von Zeit zu Zeit einen Fuß, als versuchte sie, bequemer zu sitzen.
Die Schlinge gab so weit nach, dass sie die Daumenkuppe unter das Seil schieben konnte. Weiter kam sie nicht.
Hinter der Tür erkannte sie die beiden Männer. Der eine scharrte mit der Sohle über den Stein, wenn er lange stand. Der andere hustete, bevor er ausspuckte. Seit man sie in der Kammer eingeschlossen hatte, hatte keiner sie bei offener Tür allein gelassen.
Diesmal kamen sie zusammen, um sie zu holen.
Der Mann mit dem Verband zog die Decke beiseite und prüfte die Fesselung. Lira spreizte die Handgelenke auseinander und spannte das Seil. Den Daumen drückte sie gegen die Handfläche. Der Nagel lag unter den gekrümmten Fingern. Sie spürte, wie sich das feuchte Ende tiefer in die Haut bohrte, als der Wächter am Seil zog.
Das Seil drückte sich in ihren Fingerknöchel.
„Aufstehen.“
Sie erhob sich langsam. Das aufgeschürfte Knie war steif geworden; bei den ersten Schritten konnte sie es nicht richtig beugen. Der zweite Mann warf ihr die Decke über die Schultern und zeigte auf die Tür.
Sie hatten keinen Sack für ihren Kopf. Der erste hielt das freie Seilende. Der zweite ging hinter ihr, so nah, dass sie seinen Atem roch, wenn er sprach.
Am Ende des Korridors bogen sie ab. Lira zählte die Türen und versuchte, den Kopf nicht zu drehen. Von links kam der Geruch von gekochter Grütze. Von rechts kalte Luft, schärfer als die aus der Öffnung über der Pritsche.
Der Riegel an der Ausgangstür wurde mit lautem Schaben zurückgeschoben. Der erste Wächter stieß den Türflügel mit dem Oberarm auf.
Lira kniff die Augen zusammen.
Sie traten auf ein hölzernes Podest, das etwa so hoch war wie die Pritsche. Die Treppe führte nach rechts an der Wand entlang. Ein Geländer auf dicken Pfosten trennte sie vom Hof. Lira hätte mit Kopf und Schultern darunter hindurchgepasst.
Der Wagen wurde rückwärts an die Treppe herangefahren. Der erste Wächter ging zu ihm hinunter, ohne das Seil loszulassen. Bei der Pforte stand ein Mann in einem graphitgrauen Wams. Er zog den Türflügel ganz zu und drehte den Schlüssel um. Dann rückte er einen leeren Korb von der Mauer weg. Der Schlüssel hing an seinem Riemen.
Lira umklammerte den Nagel, lockerte die Finger und versuchte erneut, den Daumen unter dem Seil hervorzuziehen.
Dabei riss die Haut auf.
Sie zog die Hand nicht ganz heraus. Sie wartete, bis der Wächter sich zum Wagen umdrehte. Das freie Ende der Fessel hing schlaff zwischen ihnen.
„Näher“, sagte der Mann an der Mauer. „Das Rad kommt nicht bis an die Stufe.“
Der Fuhrmann sah über die Schulter. Der Wächter mit dem Seil zeigte ihm das Rad.
Lira duckte sich unter das Geländer.
Der Mann hinter ihr packte die Decke. Er riss so heftig daran, dass der Stoff ihren Kopf nach hinten zog. Doch die Decke glitt ihr von den Schultern, als sie die Hände nach vorn riss. Die gelockerte Hand kam aus dem Seil. Vom anderen Handgelenk glitt die Schlinge von selbst, als Lira vom Podest fiel.
Sie landete auf dem schmerzenden Knie.
Ihr Laut brach zwischen den Zähnen ab. Der Nagel fiel zu Boden. Der Wächter über ihr stieß mit dem Bauch gegen das Geländer und griff hinunter; seine Finger strichen über ihren Nacken.
Der Wächter mit dem Seil lief auf sie zu, doch die rückwärtsfahrende Bordwand versperrte ihm den Weg. Er warf das Seil hin und rannte um den Wagen herum.
Lira stützte sich am Pfosten ab und stand auf. Bis zur Pforte waren es ein paar Schritte; auf der schmerzenden Seite machte sie kürzere.
Der Mann im graphitgrauen Wams hob den Schlüssel.
Aus der offenen Tür hinter dem Podest kam Vell.
„Savel. Nicht aufmachen.“
Der Schlüssel hielt am Schloss inne.
Die Pforte war verschlossen. Lira schob die Finger zwischen Holz und Stein. Hinter dem Türflügel polterten Räder.
Savel sah über ihren Kopf hinweg. Er musste Vell sehen können.
Dann drehte er den Schlüssel um.
Der Türflügel gab nach und legte einen Streifen Pflaster frei. Lira zwängte sich seitwärts hindurch. Hinter sich hörte sie Stiefel auf der Treppe poltern und spürte, wie die Pforte gegen ihre Ferse schlug.
Auf der Straße wäre sie beinahe unter eine Schubkarre geraten. Sie stützte sich an deren Seitenwand ab, stieß sich weg und bog zum Markt ab. Erst hinter dem ersten Stand erlaubte sie sich, das Knie zu halten. Blut sickerte durch den Stoff.
Jemand rannte aus der Pforte.
Lira ließ das Bein los. Statt mitten durch den Durchgang zu laufen, schlüpfte sie unter das herabhängende Leinen eines leeren Standes. Auf der anderen Seite kam sie dicht über dem Boden zwischen den zusammengeklappten Tischbeinen hervor. Sie richtete sich erst dort auf, wo die Reihe der Stände den seitlichen Ausgang des Lagerhauses verdeckte.
Im Mund schmeckte sie die Haut, auf die sie beim Sturz gebissen hatte.
Bis zur nächsten Biegung wurde sie nicht langsamer.
Szene VI
Eiran sah zuerst die Hand, die sich auf die Ecke stützte.
Das Mädchen schob sich seitwärts hinter dem Stand hervor, ein Bein noch zurückgesetzt. Ihr Wams war an der Schulter zerrissen. Als sie den Kopf hob, erkannte er ihr Gesicht.
Er stieß sich vom Holz ab und ging so rasch auf sie zu, dass die Plane an seiner Schulter hängen blieb. Ein paar Schritte lang zitterten seine Beine nicht. Er wollte ihren Namen sagen, doch Lira hatte ihn schon gesehen.
„Sie kommen“, sagte sie.
Er packte sie mit der rechten Hand am Unterarm. Unter der Anspannung brach die Wunde wieder auf; sein Griff löste sich, ehe er das Mädchen näher heranziehen konnte.
Lira sah auf seine Hand.
„Die andere.“
Er hielt ihr den linken Arm hin. Sie griff oberhalb des Handgelenks zu und stützte einen Teil ihres Gewichts darauf. Durch den Riss am Knie sah er Blut.
„Hier entlang.“
Er zeigte auf den Durchgang zwischen den zusammengestellten Tischen. Von hier kannte er den Weg zur Händlerin und zum Hofeingang. Lira wandte den Kopf zu der Straße, aus der sie gekommen war.
Hinter der Ecke rief jemand. Eiran verstand die Worte nicht. Ein Mann am leeren Stand schob eine zusammengerollte Plane beiseite und sah unter den Tisch.
Lira zog ihn am Ärmel.
Sie gingen los.
Er versuchte, schneller zu gehen, doch ihre kürzeren Schritte hielten ihn bei jeder Gewichtsverlagerung zurück. Sie drehte den Fuß leicht nach außen. Eiran wurde langsamer und rückte näher, damit sie nicht so weit nach seinem Arm greifen musste.
Am nächsten Tisch suchte er unwillkürlich mit der rechten Hand nach der Kante. Die Finger gaben nach, noch ehe sie Halt fanden. Lira blieb am Tisch stehen und hielt seinen Ärmel fest.
Lira entlastete das Knie, indem sie die Hüfte an den Tisch lehnte. Von der Straße kam das Scharren einer Bank, die verschoben wurde. Eiran wollte weiter, sah aber, dass das Mädchen den Fuß noch nicht aufgesetzt hatte.
Er wartete. Als sie nickte, hielt er ihr den Arm hin.
Bei den Säcken der Händlerin stand die Schüssel noch an derselben Stelle. Bolek lag im Korb, eine Pfote über den Rand gehängt. Die Frau hatte den Sack, an dem sie genäht hatte, inzwischen zusammengelegt; er lag auf ihrem Schoß.
Als sie Lira sah, stand sie vom Schemel auf.
„Nicht hier.“
Eiran sah zwischen den Tischen zurück.
„Sie sind hinter ihr her. Wir müssen durch den Hof.“
„Geht durch. Bei mir könnt ihr euch nicht verstecken.“
Sie zeigte auf den zusammengeklappten Marktstand. Lira ließ Eiran los und lehnte sich neben den Säcken an die Mauer. Den gesunden Fuß stellte sie unter sich, das verletzte Bein ließ sie leicht angewinkelt. Sie sah zum Hofeingang.
Eiran griff nach dem Kater.
Die Händlerin schob die Hände unter seinen Rumpf und sein Hinterteil. Sie hielt ihn, während Eiran den linken Unterarm unter ihn schob. Bolek spreizte die Pfoten und suchte Halt. Mit der rechten Hand hielt Eiran nur den Rand seines Mantels fest; fester konnte er die Finger nicht schließen.
Die Frau ließ den Kater erst los, als sein Gewicht auf dem Arm ruhte.
Eiran zog ihn an die Brust. Bolek schlug die Krallen neben dem Kragen in den Stoff und streckte den Kopf heraus.
„Lass die Schüssel hier“, sagte die Händlerin.
Lira löste sich von der Mauer. Sie machte einen Schritt, doch beim zweiten musste sie erneut Halt suchen. Eiran streckte ihr die rechte Hand hin. Das Mädchen sah auf den Schnitt und griff nach der Tischkante.
„Es geht.“
Er blieb mit Bolek auf dem Arm bei ihr. Der Kater bewegte sich und schob eine Hinterpfote zwischen Mantel und Hemd. Eiran rückte den Unterarm zurecht. Einen Augenblick lang sah er nur das Fell vor seinem Gesicht.
Als er den Kopf hob, schaute Lira über seine Schulter.
Vom Brunnen her kam ein Wagen mit Säcken. Der Fuhrmann hielt sich am Rand des Marktes, nahe beim Hofeingang. Die Menschen wichen den Rädern aus; einer der Lieferanten zog einen leeren Korb zurück und machte an der Mauer Platz.
Eiran kannte diesen Abschnitt. Hinter dem Eingang gelangte man zum zweiten Ausgang, auf eine Straße weiter vom Tor des Lagerhauses entfernt. Doch zuerst mussten sie vom Tisch weg und über den ungeschützten Streifen Pflaster.
An der Kreuzung zwischen den Ständen tauchte der Mann mit dem Verband auf. Er blieb bei einem Mann stehen, der eine Plane zusammenrollte. Eiran sah nur sein Profil und die Hand, die auf die Straße zeigte.
Lira umklammerte die Tischkante.
„Warte.“
Eiran sah zum Eingang. Zwei Männer gingen mit leeren Körben hindurch. Der Weg war frei.
„Jetzt können wir.“
Lira hob die Hand. Sie sah ihn nicht an. Sie rückte den einen Fuß näher an den anderen und bereitete sich darauf vor, ihren Halt loszulassen.
Der Wagen fuhr zwischen ihnen und der Kreuzung hindurch. Die Bordwand verdeckte das Gesicht des Mannes mit dem Verband, doch darunter sah Eiran noch immer das Pflaster und die Stiefel von irgendjemandem.
Lira ließ den Tisch los.
Er ging mit ihr los.
Bei den ersten Schritten hielt sie sich am Rand des zusammengeklappten Marktstandes fest. Dann musste sie auf das Pflaster hinaustreten. Eiran ging dicht an ihrer gesunden Seite. Bolek verlagerte sein Gewicht nach hinten auf dem Arm; statt schneller zu werden, hielt Eiran den Ellbogen am Körper, damit der Kater nicht vom Mantel rutschte.
Lira berührte seinen Ärmel. Sie ging weiter, mit kurzen Schritten, und presste jedes Mal die Lippen zusammen, wenn sie das verletzte Bein belastete.
Der Wagen war beinahe am Eingang vorbei. Hinter seiner Rückwand wurde die Ecke des Standes sichtbar.
Eiran sah erst zurück, als Lira auf der anderen Seite die Mauer erreichte. Durch die Lücke zwischen den Säcken und dem Rad sah er einen Streifen des Marktes. Jemand ging dort zum Brunnen. Er wusste nicht, ob der Mann mit dem Verband noch an der Kreuzung stand.
Sie gingen in den Hof.
Lira hielt nur lange genug an, um sich anders abzustützen. Sie presste die Hand gegen die Wand, verlagerte das Gewicht auf das gesunde Bein und ging weiter. Eiran musste seine Schritte den ihren anpassen.
Im Durchgang trugen zwei Männer eine Last. Er ließ sie vorbei und trat an die Mauer zurück. Bolek ruckte mit dem Kopf zu dem Sack, der an ihm vorbeigetragen wurde. Seine Krallen zogen den Stoff über Eirans Brust straff.
Der zweite Ausgang war offen. Er sah hindurch auf ein Stück Straße und das Rad einer Schubkarre, die weiter hinten stand.
Lira erreichte die Mauerkante vor ihm. Sie sah hinaus, dann trat sie beiseite und machte ihm Platz. Eiran schaute zum Lagerhaus. Von hier aus verdeckte es die Ecke; die Stimmen vom Markt drangen noch immer durch den Hof.
„Nach rechts“, sagte er.
Lira ging zuerst los, die Hand an der Wand. Eiran folgte ihr hinaus. Nach wenigen Schritten musste sie in einer Türnische stehen bleiben.
Er stellte sich neben sie. Er wollte ihr den Arm hinhalten, doch darauf lag Bolek.
Lira sah die Bewegung.
„Nur langsamer.“
Er nickte. Er wartete, bis sie die Hand vom Holz nahm, und ging erst dann mit ihr von der Nische weg.
Szene VII
Lira verschwand hinter der Pforte. Savel hielt den Schlüssel noch im Schloss, als der Mann mit dem Verband hinter dem Wagen hervorlief und einen leeren Korb anstieß. Der zweite rannte vom Podest herunter, eine Decke in der Faust zusammengeknüllt.
„Hinterher“, sagte Istran oben auf der Treppe. „Sie soll lebend zurückkommen.“
Savel zog den Schlüssel ab und trat vom Durchgang weg. Die Wachen liefen auf die Straße. Einer bog zum Markt ab, der andere hielt einen Passanten an und ließ ihn sofort wieder gehen.
Die Pforte schwang in den Angeln. Savel hielt sie fest, damit sie Istran nicht traf, als er herankam.
„Du hast mich gehört.“
„Ja.“
Istran wartete. Savel kannte diesen Blick, auf den gewöhnlich eine Frage folgte, leiser gestellt als alle anderen. Jetzt blieb die Frage aus.
„Gib mir den Schlüssel.“
Der Riemen verfing sich an einem Ärmelknopf. Savel löste ihn und legte den Schlüssel auf Istrans offene Hand. Einen Augenblick lang ruhte das Metall zugleich auf ihren Fingern. Istran zog seine Hand zuerst zurück.
„Sie sollte mich zu dem Lehrling führen.“
„Dann hättest du sie in den Auftrag schreiben müssen.“
Savel zog das Blatt aus der Tasche. Istran sah nicht darauf.
„Du weißt, wonach wir suchen.“
„Ich weiß, was ich auf deinen Befehl unterschrieben habe.“
Istran wandte den Kopf zur Straße. Vom Markt kam ein Schrei, danach redeten mehrere Menschen durcheinander. Von den Wachen war keiner zu sehen.
Savel faltete das Papier an den alten Knicken zusammen. Er hätte es ihm vor die Füße werfen können. Doch der Fuhrmann musste bezahlt und der abgesagte Transport abgerechnet werden.
„Hat sie euch keinen Ort genannt?“, fragte er.
Istran sah ihn an.
„Ich werde ihre Aussage nicht mit dir besprechen.“
Savel senkte das Blatt.
In der Tür der Kammer über dem Podest erschien ein hagerer Beamter. Er hielt zwei gefaltete Blätter und sah abwechselnd Istran und den leeren Wagen an. Istran winkte ihn heran.
„Die Transportverzeichnisse, Herr.“
Savel streckte die Hand aus. Seit dem Gespräch über die verschwundenen Tafeln half er, eben diese Listen zu prüfen.
Istran nahm beide Blätter entgegen, ehe der Beamte sich entscheiden konnte, wem er sie geben sollte.
„Von heute an bringst du sie nur noch mir.“
Der Beamte nickte.
„Ich brauche diese Angaben“, sagte Savel.
„Du bekommst, was deine Fuhrleute betrifft.“
„Meine Auftraggeber fragen nicht nur nach den Fuhrleuten.“
Istran steckte die Blätter in die Tasche. Savel verstaute den Auftrag und wandte sich an den Beamten.
„Bring eine Feder und zwei leere Blätter.“
Istrans Hand blieb an der Tasche liegen.
„Zwei?“
„Eins für den Fuhrmann. Das andere behalte ich.“
Savel sah ihn an und wartete. Istran wandte sich zur Treppe.
Im Sand unter dem Podest lag ein kurzer, verrosteter Nagel. Istran hob ihn mit einem Tuch auf. An der Spitze war etwas Blut; weiter unten eine Faser von einem Strick oder einer Decke.
Er betrachtete das Podest, die leere Schlinge, die neben der Treppe lag, und die Tür zur Rechnungskammer.
„Dort wird nichts angerührt, bis ich zurück bin.“
Der Beamte trat zurück und ließ ihn auf der Treppe vorbei.
Savel folgte Istran unwillkürlich. An der ersten Stufe legte er eine Hand auf das Geländer. Er wollte ihn rufen, ehe er die Kammer betrat.
Er hielt an. Istran ging weiter.
Savel hielt das Geländer noch einen Augenblick fest. Dann ließ er los und ging zum Wagen zurück. Von der Straße kamen noch immer Rufe. Er wusste nicht, wie weit das Mädchen inzwischen gekommen war.
Der Fuhrmann räusperte sich.
„Soll ich warten?“
Savel breitete den Auftrag auf der Bordwand aus.
„Nein. Ich bezahle für das Bereitstellen des Wagens.“
Der Beamte brachte die Blätter, die Feder und das Tintenfass. Savel schob den Auftrag unter eines der Blätter und ließ den Abschnitt mit dem Namen des Fuhrmanns und der Beschreibung des bestellten Transports frei.
Er trug Tag und Ort der Abrechnung ein und verwies dann auf den Auftrag zur Beförderung von Büchern und Kanzleimaterial. In die nächste Zeile schrieb er: Die Ladung wurde nicht übergeben.
Der Fuhrmann beugte sich über die Bordwand.
„Auch fürs Warten?“
Savel suchte den Betrag auf dem Auftrag und zeigte mit der Federspitze darauf.
„Ja, wie vereinbart.“
Er holte das Geld hervor. Der Fuhrmann zählte es auf seiner Hand ab und steckte es ein. Savel ergänzte den Betrag und die Bestätigung, dass das Bereitstellen des Wagens und die Wartezeit bezahlt worden waren. Das Feld für die Übernahme der Ladung im ursprünglichen Auftrag ließ er leer.
Er schob das beschriebene Blatt beiseite. Auf dem zweiten wiederholte er Datum, Ort, den Verweis auf den Auftrag und die Abrechnung. Er verglich beide Texte und hielt dabei ihre Ränder auf der unebenen Bordwand fest. Unter jeden setzte er seine Unterschrift.
Der Fuhrmann las sein Exemplar. Er prüfte den Betrag, faltete das Blatt und schob es hinter den Gürtel. Dann ging er zu den Pferden.
Savel wartete, bis die Tinte auf dem zweiten Blatt angetrocknet war. Über dem Podest knarrte die Tür. Er hob den Kopf, doch in der Öffnung stand nur der Beamte, der das Tintenfass holen kam.
Er gab ihm die Feder zurück. Sein eigenes Exemplar der Abrechnung faltete er zusammen und steckte es zu dem Auftrag in die Tasche, auf dem das Feld für die Empfangsbestätigung noch immer leer war.