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Elaris · Kapitel IX

Der Himmel in der Krone

Tomasz Dobras2 Szenen

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Eine Steinmauer im seitlichen Licht. Ein Riss durchzieht eine helle Ausbesserung zwischen dunklen Steinblöcken.

Szene I

Saeron schob die Schale an den Tischrand. Auf dem freigelegten Holz zeichnete er mit dem Finger den Verlauf der Treppe nach, dann hob er ihn dort an, wo der Sockel beginnen sollte. Für den Bogen blieb kein Platz. Er zog die Hand zurück und versuchte es noch einmal, auf kleinerem Raum.

Sein Finger blieb über einem Astloch stehen.

In seiner Erinnerung stand die Statue jetzt zu nah am Eingang. Rückte er sie weiter nach hinten, verschwand die Treppe. Es blieben der Kopf und die helle Öffnung in der Krone, so deutlich, dass ihm der Rest nur für einen Augenblick entgangen zu sein schien. Er müsste bloß von der Seite hinsehen. Er machte einen halben Schritt am Tisch entlang, beugte sich vor und ließ erst dann die Hand sinken.

Er ging zu seinem Lager.

Durch das Fenster fiel noch Licht, doch der neuere Putz gegenüber hob sich nicht mehr so deutlich von der Wand ab. Saeron setzte sich und versuchte, den Knick in seinem Rand wiederzufinden. Nach einer Weile erinnerte ihn die hellere Fläche an einen unbemalten Malgrund, auf dem jemand erst eine einzige Begrenzung angezeichnet hatte.

Er wandte den Kopf zur Tür. Er hörte ein Gespräch, zu weit entfernt, um die Worte zu verstehen. Er wartete, dass die Schritte näher kamen. Sie gingen an der Kammer vorbei.

Er legte sich auf die Seite, die Hand unter der Wange. Die Decke kratzte an der Haut neben seinem Mund; er schob sie ein Stück weg und schloss die Augen.

Er versuchte, an den Ort unter dem Bogen zurückzukehren. Das Gesicht der Statue veränderte sich jedes Mal, wenn er es länger betrachtete, also ließ er es undeutlich. Darunter waren die Hände. Zwischen den Fingern sah er den Hintergrund. Er erinnerte sich, wie tief der Stein dort ausgehöhlt war, und konnte der Kante mit dem Blick bis zum Handgelenk folgen.

Auf dem Flur ertönte eine einzelne Stimme.

Saeron öffnete die Augen. Vor ihm schimmerte der Putz weiß.

Er rückte den Arm zurecht, der allmählich taub wurde, und senkte erneut die Lider. Diesmal hielt er bei einer Hand der Statue inne. Er veränderte sie nicht. Er wartete, bis zwischen den steinernen Fingern ein Stück der Klinge hervortreten würde.

Unter der Wange spürte er Kälte.

Er zog den Kopf zurück. Er saß an eine Wand gelehnt, die Hand an sein Gesicht gelegt. Einen Moment lang hielt er sie noch genauso wie auf dem Lager. Erst dann streckte er die Finger und legte die Hand auf den Boden.

Heller Staub drang in die Hautfurchen. Er erinnerte sich noch an die raue Decke neben seinem Mund, doch als er mit der Zunge über die Lippe strich, spürte er nur ihre Trockenheit.

Vor ihm verlief eine Straße.

Er stand nicht sofort auf. Er betrachtete die Steine vor seinen Füßen. Eine Platte war an einer Ecke angehoben; darunter war feines Gestein hervorgerrieselt. Er streckte die Hand aus und berührte den Rand. Dann sah er hinauf zu der Wand, an die er sich lehnte, und wieder vor seine Füße.

Die Platte lag noch an derselben Stelle.

Langsam erhob er sich. Seine Knie waren vom Sitzen steif geworden, obwohl er nicht wusste, wie lange er hier gewesen war. Unwillkürlich suchte er mit der Hand Halt. Die Mauer endete knapp über seinem Kopf in einem gezackten Rand. Dahinter war weiter im Inneren eine viel höhere Wand erhalten geblieben. Erst jetzt erkannte er dazwischen einen verschütteten Innenraum.

Unter einer erhaltenen Öffnung waren zwei Reihen von Aussparungen zu sehen. Aus einer ragte ein abgebrochenes Stück einer Konsole. Saeron legte den Kopf schief und versuchte, die Linie der einstigen Geschossdecke in Gedanken zu verlängern. Sie verlief hoch über ihm. Darunter sah er eine weitere Reihe von Öffnungen, zum Teil verschüttet.

Das Haus hatte mehr Ebenen besessen, als sich von der Straße aus erkennen ließ.

Er trat zurück, um seine ganze Breite zu erfassen. Die Wand zog sich weit hin, unterbrochen von senkrechten Spalten. Manche konnten Fenster gewesen sein. An anderen Stellen war der Stein bis zum Fuß der Mauer abgeplatzt, und es ließ sich nicht feststellen, wo die einstige Öffnung endete und die Zerstörung begann. Das höchste erhaltene Stück lag außerhalb seines Blickfelds, bis er den Kopf zurücklegte.

Er hob eine Hand in den Nacken und sah die Straße entlang.

Die Gebäude verdeckten einander. Vom Boden aus sah er kaum mehr als ihre unteren Teile: Pfeilerfüße, dunkle Eingänge, auf die Straße gestürzten Stein. Erst durch eine Bresche auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte er höher gelegene Bauten. Sie standen hintereinander am Hang, bis die kleinen Öffnungen in den Mauern zu unregelmäßigen Schattenstreifen verschmolzen.

Er suchte sich mit dem Blick einen Eingang einige Schritte weiter aus.

Er ging darauf zu und wich der angehobenen Plattenecke aus. An der Schwelle blieb er stehen und sah zurück. Er erkannte die Stelle, an der er gesessen hatte, den hellen Schutt am Mauerfuß und das feine Gestein unter der Platte. Der Abstand entsprach dem zurückgelegten Weg. Er ging einen Schritt zurück, dann einen zweiten.

Weiter musste er nicht zurückgehen.

Er wandte sich wieder dem Eingang zu. Die Hand, die sich in seine Kleidung gekrallt hatte, lockerte sich, und diesmal trat er ohne Hast über die Schwelle.

Gleich dahinter lag ein breiter Schattenstreifen. Der erhaltene Teil der Geschossdecke überdachte nur einen Teil des Innenraums; weiter hinten lag ein Schutthaufen, auf den das Licht fast senkrecht fiel. Dort, wo die beiden Flächen aneinandergrenzten, hatten die kleinen Splitter scharfe, dunkle Ränder.

An der Wand blieb genug Platz zum Vorbeigehen. Ein breites Band zierte die Mauer, deutlich glatter als die übrige Oberfläche. Von der Straße aus hatte er es für Schmutz gehalten. Jetzt sah er, dass Farbreste daran erhalten waren.

Er trat näher.

An zwei Stellen war die oberste Schicht abgefallen und hatte den hellen Untergrund freigelegt. Dazwischen verliefen dünne Linien, unterbrochen von kleinen Fehlstellen. Saeron stellte sich seitlich hin, damit sein Schatten nicht auf die Wand fiel. Dann nahm er den Kopf zurück. Aus diesem Abstand sah er nur dunkle Flecken; er musste wieder näher heran, um zu erkennen, wie sie zusammenhingen.

Mehrere schmale Linien verflochten sich innerhalb einer breiteren.

Er folgte dem Band mit den Augen. An der nächsten Fehlstelle verschwand das Muster, doch dahinter kehrte es in derselben Anordnung wieder. An eine ähnliche Verflechtung erinnerte er sich von der Wand über der steinernen Bank. Damals hatte er sie erst aus der Nähe gesehen und sich darunter gesetzt, an eine von fremden Rücken blank geriebene Stelle.

Er sah sich den Boden an. Hier lagen Deckentrümmer an der Mauer. Es gab keine Bank.

Am unteren Ende der Verzierung ging er in die Hocke. Dort war mehr Farbe erhalten geblieben, geschützt von einem vorspringenden Stein. Die Linien lagen dichter, als er sie in Erinnerung hatte. Eine Weile folgte er einer von ihnen, bis sie unter einer anderen hervortrat und in einem Riss verschwand.

Er wischte die Finger an seiner Kleidung ab. Er wollte die Stelle berühren, an der die Linien am dichtesten ineinandergriffen, hielt die Hand aber knapp vor der Oberfläche an. Noch einmal verfolgte er das Muster und merkte sich, welche Linie oben verlief. Dann stand er auf und ging auf die Straße hinaus.

Jetzt suchte er einen höher gelegenen Ort.

Zwischen zwei Wänden öffnete sich ein schmaler Blick auf den Hang. Saeron trat zur Seite und wich dem Schutt am Fuß eines Pfeilers aus. Über den Dachresten sah er den oberen Teil des Bogens. Eine seiner Seiten verschwand hinter einem näher gelegenen Bau.

Von hier aus konnte er die Entfernung nicht einschätzen. Er ging also weiter in die Straßenmitte und suchte einen Weg, der auf die Anhöhe führte.

Die Straße stieg zwischen den Mauern sanft an, bis ein Teil eines eingestürzten Obergeschosses sie versperrte. Saeron zwängte sich an der Wand vorbei, den Oberarm am rauen Stein. Hinter dem Schutt sah er fast den ganzen Bogen.

Darunter konnte er bereits den Rand einer Terrasse unterscheiden. Er verlief waagerecht über den Dächern, an mehreren Stellen von dunklen Lücken unterbrochen. Einer der Pfeiler wirkte breiter als der andere. Saeron trat nach links und versuchte, die übereinanderliegenden Flächen voneinander zu trennen. Erst da sah er, dass die Straße den Hang nicht erreichte.

Er verlangsamte seine Schritte.

Vor ihm endete das Pflaster an einem unregelmäßigen Rand. Dahinter blieb ein Streifen leeren Raums und eine gegenüberliegende Mauer, auf deren Oberkante weitere Straßenplatten weiß schimmerten.

Saeron ging zu einer Stelle, an der ein niedriges Stück der Einfassung erhalten war. Er stützte eine Hand darauf und sah hinunter.

Der Kanal war trocken. Auf seinem Grund lagen große Trümmer, zum Teil unter demselben hellen Staub begraben, der die Straße bedeckte. Dazwischen erstreckten sich flache, freiliegende Streifen. Beide Ufer waren mit Mauern eingefasst; an der gegenüberliegenden Wand verlief eine dunklere Linie, die unter eingestürzten Trümmern verschwand. Er konnte nicht beurteilen, ob sie den einstigen Wasserstand markierte.

Vom Übergang war auf seiner Seite ein steinerner Vorsprung geblieben und auf der anderen ein kürzerer. Zwischen ihren abgebrochenen Enden lag mehr Abstand, als er zunächst gedacht hatte. Weiter unten im Schutt erkannte er ein umgestürztes Stück der Einfassung. Die Rille an seiner Seite entsprach der unter seiner Hand.

Er zog die Hand zurück.

Links war das Ufer eingebrochen. Ein Teil der Mauer war in den Kanal gerutscht und bildete einen breiten Hang aus Steinen und feinerem Schutt. Mehrere größere Platten lagen schräg übereinander; dazwischen könnte er hinuntersteigen, wenn er genug Platz für die Füße fand.

Er suchte nach einem Weg auf der anderen Seite hinauf.

Gegenüber dem Schutthang ragte die Mauer ohne Unterbrechung auf. Erst weiter rechts vom einstigen Übergang entdeckte er eine Reihe kurzer Schatten. Stufen führten an der Wand entlang hinauf zum Ende der Straße. Unten verdeckte sie eine umgestürzte Platte. Weiter oben waren ein schmaler Absatz und ein weiterer Treppenlauf erhalten geblieben, der sich zur Terrasse wandte.

Er ging den Weg noch einmal mit den Augen ab: links hinunter, über den Kanalgrund, dann die Stufen rechts vom zerstörten Übergang hinauf.

Dann sah er unter den Bogen.

Zwischen den Pfeilern lag ein dunkler Raum. Aus dieser Entfernung konnte er keinen Sockel erkennen. Sollte dort eine Statue stehen, müsste er bis dicht an die Treppe herangehen, um die Öffnung über der steinernen Stirn zu sehen.

Er trat vom Rand weg und kehrte zum Schutthang zurück.

Die erste Platte lag fast waagerecht. Weiter unten musste Saeron in die Hocke gehen; kleine Steine glitten unter seiner Sohle hervor. Er wartete, bis sie stilllagen, und drehte sich mit dem Gesicht zum Hang. Er hielt sich am Straßenrand fest und ließ ein Bein hinunter. Einen Moment lang zog ihn sein Gewicht nach unten, bevor der Fuß Halt fand.

Als er zum anderen Ufer hinübersah, war der Bogen nicht mehr zu sehen.

Über der Kanalwand blieb nur der blasse Himmel. Saeron legte den Kopf zurück und versuchte, wenigstens den oberen Teil des Bauwerks wiederzufinden. In dieser Haltung begann er den Halt zu verlieren. Er rückte wieder an den Schutt heran und stieg weiter hinunter.

Unten stützte er die Hände auf die Knie. Eine Weile betrachtete er den Staub neben seinen Schuhen. Er atmete lauter, als er wollte. Weiter oben lag die Platte, von der er eben das Bein hatte hinabgleiten lassen; von hier aus sah er den leeren Spalt darunter.

Die Stufen auf der gegenüberliegenden Seite waren von Schutt verdeckt. Saeron sah nur den oberen Absatz. Er ging darauf zu und wich den Trümmern aus. Unter dem einstigen Übergang versperrte ihm ein gewaltiger Block den Weg. Er ging auf der Seite des offenen Kanalgrunds um ihn herum und sah den Absatz wieder.

Die Platte über dem unteren Teil der Treppe lehnte mit einem Ende an der Wand, mit dem anderen steckte sie in feinen Trümmern. Über ihr ragten die Kanten zweier Stufen hervor. Saeron drückte mit der Hand dagegen. Sie bewegte sich nicht, also trat er auf das tiefere Ende. Der Stein unter seinem Schuh war glatter, als er erwartet hatte. Er stützte sich mit dem Oberarm an der Mauer ab, wischte den Staub von der Kante der höheren Stufe und zog sich auf sie hinauf. Einen Moment setzte er sich, dem Kanal zugewandt.

Von hier aus sah er den ganzen Schutthang, den er hinabgestiegen war. Die abgebrochene Straße lag hoch oben auf der anderen Seite, und die Platten überlappten sich so dicht, dass er kaum noch die Stellen ausmachen konnte, auf die er seine Füße gesetzt hatte.

Hinter der Biegung wurde die Treppe zwischen der Mauer und dem erhaltenen Fuß eines Pfeilers schmaler. Saeron hielt sich daran fest, um ein Bein über eine gesprungene Stufe zu heben. Weiter oben lag der Weg frei. Er sah den Rand des Bogens, jetzt so nah, dass er den Kopf heben musste.

Bis zur Terrasse blieben noch wenige Stufen.

Über ihnen erstreckte sich die massive steinerne Seite einer Konstruktion, deren Rest hinter einem Pfeiler verschwand. Nahe am Boden war ein schmaler, hellerer Streifen eingesetzt worden. Aus der Ferne hatte er wie ein Teil der Verzierung ausgesehen; erst hier bemerkte Saeron seine unregelmäßigen Ränder und die kleinen Stücke, die zwischen größere eingepasst waren. Jemand hatte die Fehlstelle mit dem gefüllt, was sich zwischen den erhaltenen Kanten einsetzen ließ.

Ein breiter Riss durchschnitt diesen Streifen und lief durch den dunkleren Stein weiter.

Daneben stand eine Frau.

Saeron blieb weiter unten stehen, eine Hand am Pfeiler. Der Teil des schwarzen Gewands, der hinter dem Stein zu sehen war, bewegte sich, als sie den Kopf senkte. Eine Hand hielt sie nahe an der Oberfläche der Konstruktion. Einen Moment lang konnte er nicht erkennen, was sie mit den Fingern tat.

Er trat einen halben Schritt zur Seite.

Sie berührte den Rand der helleren Ausbesserung. Langsam führte sie die Hand auf den Riss zu, hielt aber davor inne, neben einem kleinen, schräg eingesetzten Stück. Als sie die Hand zurückzog, erwartete Saeron, dass sie auch den Spalt betrachten würde. Die Frau hielt den Kopf weiter über dieselbe Stelle gebeugt.

Weiter oben war eine ähnliche Ausbesserung zu sehen, breiter und dunkler. Derselbe Riss verlief durch beide. Saeron erkannte die Reihenfolge der Veränderungen: zuerst die eingepassten Stücke, dann der Riss, der den Stein ohne Rücksicht auf die alten Fugen durchzog.

Er wollte nahe genug herankommen, um an der Kante der Ausbesserung eine Werkzeugspur zu erkennen. Die Frau stand zwischen ihm und dieser Stelle.

Er hielt inne, einen Fuß auf der nächsten Stufe. Er wusste nicht, wie er die Frau ansprechen sollte, ohne dass sie fortging.

Langsam wandte die Frau den Kopf. Licht glitt über den hellen Rand der Maske. Saeron folgte ihm bis zur Schläfe und wartete, ob unter dem Metall auch nur ein Stück ihres Gesichts sichtbar würde.

In der Krone schimmerte der Himmel weiß. Er erinnerte sich an dieselbe schmale Öffnung über der steinernen Stirn der Statue.

Sie hielt inne, ihm zugewandt.

Saeron sah hinter sich. Die Treppe war leer. Als er wieder zu der Frau blickte, bemerkte er, dass sie eine Hand gehoben hatte; ihre Finger hatten sich kaum vom Gewand gelöst.

„Wer …“

Saeron wartete auf die nächsten Worte. Unter den Fingern spürte er die raue Oberfläche des Pfeilers. Er strich mit dem Daumen darüber, ohne den Blick von der Maske zu lösen.

„Kannst du mich hören?“, fragte Saeron.

„Ja.“

Die Antwort kam sofort. Saeron ließ die Hand sinken.

„Wie bist du hierhergekommen?“

„Durch den Kanal. Der Übergang war zerstört.“

„Und in die Stadt?“

Er sah die Treppe hinunter. Von hier aus konnte er die Straße, an der er zu sich gekommen war, nicht sehen. Doch er erinnerte sich an die angehobene Plattenecke und die Wand hinter seinem Rücken.

„Ich weiß es nicht. Ich fand mich an einer Mauer wieder.“

Die Frau ließ die erhobene Hand sinken.

„Was hast du vorher getan?“

„Ich lag in meiner Kammer. Mit geschlossenen Augen.“

Der Kopf hinter der Maske neigte sich leicht zurück. Er konnte nicht erkennen, ob die Frau ihn betrachtete oder den leeren Raum neben ihm. Er wartete, doch sie stellte keine weitere Frage.

„Kennst du diesen Ort?“

„Ja.“

Saeron sah auf den Riss. Er schien breit genug, um die Finger hineinzuschieben.

„Warst du hier, bevor das geschah?“

„Ich kannte diese Stadt, bevor die Gebäude einstürzten.“

Er sah auf die Ruinen hinter ihr. In einer Mauer war eine ganze Fensteröffnung erhalten geblieben, doch dahinter gab es keinen Raum mehr. Er wollte diese Mauern so sehen, wie sie sie in Erinnerung hatte.

„Was hat sie zerstört?“

Die Hand, mit der sie die Ausbesserung berührt hatte, kam auf einer Falte des Gewands zu liegen.

„Darüber werde ich nicht sprechen.“

Saeron schloss den Mund. Er wollte fragen, warum, hielt aber vor dem Wort inne. Er kannte nicht einmal ihren Namen.

Er betrachtete das kleine Stück Stein, bei dem ihre Finger zuvor innegehalten hatten. Von unten war es kaum von der übrigen Ausbesserung zu unterscheiden.

Auf dem Flur knirschte ein Schlüssel.

Saeron wandte den Kopf. Die Treppe hinter ihm war leer, doch er hörte, wie ein Gefäß über Holz geschoben wurde.

„Wasser.“

Er sah wieder zu der Frau. Das dunkle Gewand verschmolz mit dem Schatten der Konstruktion. Einen Moment lang erkannte er noch den hellen Rand der Maske.

Er versuchte, den Fuß höher zu setzen.

Sein Knie drückte gegen das Lager.

Szene II

Er öffnete die Augen.

Der Wächter stand am Tisch. Er hatte die Schale abgestellt und griff nach dem Krug. Saeron hob den Kopf; die Decke glitt ihm von der Wange.

„Was?“

„Ich fülle dir Wasser nach.“

Der Mann hob das Gefäß an. An der Tür musste er einem zweiten Platz machen, der mit einem Eimer wartete. Saeron setzte sich auf. Er hörte das Wasser auf den Boden des Krugs schlagen, dann einen volleren Klang, als sich der Krug zu füllen begann.

Eben noch war die Frau ihm zugewandt gewesen. Er wusste nicht, ob sie noch dort stand.

Der Wächter brachte den Krug herein und stellte ihn neben die Schale. Er sah sich den Tisch an, dann das Lager. Saerons Mund stand offen.

„Was willst du?“

Er schüttelte den Kopf.

Der Mann ging hinaus. Nachdem die Tür geschlossen war, wartete Saeron, bis sich die Schritte von der Kammer entfernten. Erst dann legte er sich wieder hin, genauso wie zuvor, die Hand unter der Wange.

Er schloss die Augen.

Jetzt spürte er den Druck der Decke deutlicher. Er versuchte, die Treppe wieder vor sich zu sehen, doch sobald er in seiner Erinnerung die Stelle am Pfeiler erreichte, sah er die Frau bereits ihm zugewandt. Er konnte den Augenblick nicht zurückholen, in dem sie sich mit der Ausbesserung beschäftigt und ihn noch nicht bemerkt hatte.

Er öffnete die Augen. An der Wand schimmerte der neuere Putz weiß.

Er hatte ihr von der Kammer erzählt. Davon, dass er mit geschlossenen Augen dagelegen hatte. Er hätte hinzufügen können, wo er sich befand, sie bitten können, jemanden am Hof aufzusuchen. Als er nach den Ruinen gefragt hatte, war ihm das nicht einmal eingefallen.

Er wusste nicht, warum sie ihm helfen sollte.

Er ging zum Tisch und goss Wasser in den Becher. Er trank ein paar Schlucke und stellte ihn wieder auf die Tischplatte.

Wenn er sie wieder hörte, würde er zuerst nach ihrem Namen fragen. Dann nach der kleinen Ausbesserung, die von unten kaum zu erkennen war. Er wollte wissen, warum sie gerade dort innegehalten hatte.

Er kehrte zu seinem Lager zurück. Als er diesmal die Augen schloss, versuchte er, sich an ihre Stimme zu erinnern.