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Elaris · Interludium II

Licht auf dem Stein

Tomasz Dobras2 Szenen

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Szene I

Der Wächter trug seine Decke unter dem Arm. Saeron folgte ihm mit einem Becher, aus dem auf der Treppe etwas Wasser geschwappt war.

Auf dem Absatz blieb er stehen, um den Becher besser zu fassen. Der Mann hinter ihm legte ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter. Er schob ihn nicht. Er ließ die Hand dort, bis Saeron wieder weiterging.

Sie gingen durch einen Flur, der nach gekochtem Kohl roch, dann durch einen zweiten, der deutlich kühler war. Saeron erkannte die Tür zur früheren Garderobe und wollte schon fragen, wohin man ihn brachte, doch der Wächter bog davor ab. Weiter hinten waren die unteren Fensterfelder verdeckt. Über ihm sah er nur helle Rechtecke.

Die neue Kammer war schmaler als die vorige. Das Lager stand an der Wand, ihm gegenüber ein Tisch, unter dessen einem Bein ein Keil lag. Unter dem Fenster standen ein Krug und eine Schüssel. Der Wächter legte die Decke ab, prüfte das Fenstergitter, obwohl Saeron es ohne den Tisch nicht hätte erreichen können, und streckte die Hand nach dem Becher aus.

Saeron gab ihn erst nach einem Augenblick her.

Der Mann stellte den Becher neben den Krug. Er ging hinaus. Der andere blieb auf der Schwelle stehen, sah sich in der Kammer um und schloss dann die Tür.

Sie sagten nicht, für wie lange.

Saeron setzte sich auf das Lager. Das Stroh gab unter seiner Hüfte nach, und er spürte ein quer liegendes Brett hindurch. Er rückte näher an die Wand. Die Decke roch noch immer nach der anderen Kammer, nach feuchtem Putz und seinem eigenen Schweiß.

Als die Mittagsglocke erklang, zählte er die Vertiefungen im Holz neben der Tür. In zweien steckten dunkle Nagelspitzen. Die dritte war leer. Jemand hatte den Riegel hier abgenommen und auf der anderen Seite angebracht.

Eine Zeit lang lauschte er den Schritten. Sie kamen an der Tür vorbei und gingen weiter; manche schwer, andere rasch, mit einem kurzen Scharren an der Biegung. Er hätte nicht mehr sagen können, aus welcher Richtung man ihn hergebracht hatte.

Er streckte die Beine aus.

Unter dem Nagel seines Zeigefingers war dunkle Farbe zurückgeblieben. Er versuchte, sie mit dem Nagel der anderen Hand herauszukratzen, drückte das Körnchen aber nur noch fester unter die Haut. So machte er es auch vor der Leinwand, wenn er nicht weggehen wollte, um einen Lappen zu holen. Eiran reichte ihm gewöhnlich einen, bevor er darum bitten konnte.

Beim Gedanken an seinen Schüler sah er zum Fenster.

In der vorigen Kammer hatte man wenigstens das Gesicht eines Menschen sehen können, der draußen stand.

Er stand auf, trank und kehrte zum Lager zurück. Er versuchte, sich Merans Hände ins Gedächtnis zu rufen. An die linke erinnerte er sich, wie sie auf einer Gewandfalte lag, und an die Stelle, an der er den allzu gleichmäßigen Umriss des Daumens noch hätte brechen müssen. An die rechte erinnerte er sich nicht. Dabei musste er sie doch gemalt haben. Hände kosteten ihn gewöhnlich mehr Arbeit als Wappen. Jede richtete er einzeln aus, damit sie nicht wie eine Reihe gleicher Zeichen am unteren Bildrand wirkten.

Mit geschlossenen Augen sah er jedoch nur den Hals.

Er öffnete sie.

An der gegenüberliegenden Wand schimmerte ein Stück neueren Putzes weiß. Die Kante der Ausbesserung verlief schräg, mit kleinen Knicken dort, wo der Mörtel nicht gereicht hatte. Er betrachtete sie, bis das Brennen unter den Lidern zu stark wurde. Er legte den Kopf auf die zusammengerollte Decke und schirmte die Augen mit dem Unterarm ab.

Unter seinem Fuß bewegte sich ein Stein.

Er hielt sein Gewicht auf dem hinteren Bein. Die Platte vor ihm war quer durchgebrochen; ihre äußere Hälfte war etwas abgesackt und hatte einen schmalen Spalt geöffnet. Saeron trat darüber und berührte das Geländer.

Der Stein war kühl. In den Vertiefungen lag heller, sehr feiner Belag. An der Unterseite hatte das Geländer scharfe Kanten behalten, doch oben war es so sorgfältig geglättet, dass die Hand ohne Widerstand darüberglitt.

Die Treppe führte zwischen zwei Wänden hinauf. Er musste die Beine höher heben, als er es gewohnt war. In der Mitte jeder Stufe lag eine flache Mulde, dunkler als die Ränder. Weiter oben war das Geländer herausgerissen, und dort, wo der nächste Abschnitt hätte beginnen sollen, ragte mattes Metall hervor.

Er sah zurück. Den Fuß der Treppe konnte er nicht sehen. Sie verschwand hinter einem niedrigen Bogen, unter dem bläuliches Halbdunkel lag. Er erinnerte sich nicht, dort hindurchgegangen zu sein.

Er stieg weiter hinauf und setzte die Füße an die Ränder der Stufen. Das Licht wurde allmählich heller, ohne deutliche Grenze zwischen Schatten und offenem Raum. Als er auf die Straße hinaustrat, fand er die Sonne nicht. Über den Dächern hing ein blasser Schleier; links schien mehr Licht hindurch, doch die Tageszeit ließ sich nicht bestimmen.

Die Straße verlief in einem Bogen. Auf der einen Seite waren die Häuserfronten geblieben, auf der anderen niedrige Mauerreste und eine eingestürzte Säulenreihe. Über den entfernteren Dächern entdeckte er ein Stück eines großen Bogens. Er wirkte weit weg, auf der anderen Seite des ganzen Hangs.

Zwischen den Steinen wuchs nichts. Selbst dort, wo Ablagerungen weiche Hügel bildeten, war die Oberfläche glatt, ohne Halme und kleine Insektenlöcher.

An einem Eingang ohne Tür verlangsamte Saeron seine Schritte. Zwei tiefe Rillen durchzogen die Schwelle; ihre Ränder berührten sich beinahe. Er trat über eine hinweg und sah hinein. An der Wand zog sich eine Reihe von Nischen entlang. Unter einer stand eine Steinbank mit einem Riss am Bein; den übrigen Raum nahmen Deckentrümmer ein. Am Fuß der Wand war ein dunkler Farbstreifen erhalten geblieben.

Er ging in die Hocke und strich mit dem Finger über die Oberfläche. Sie war körnig, stellenweise lag der hellere Untergrund frei. Von der Straße aus hätte er den Streifen für einen Schatten gehalten. Aus der Nähe erkannte er ein sich wiederholendes Flechtmuster, mehrere dünne Linien, die eine breitere umschloss. Dort, wo die Wand gerissen war, brach auch das Muster ab.

Unter dem gemalten Streifen war der Putz glatt, unmittelbar an der Bank dunkler. Saeron setzte sich auf das unbeschädigte Ende der Bank und lehnte den Rücken genau an diese Stelle. Durch die Kleidung spürte er die Kälte. Die Sitzfläche war zu hoch; um die Füße flach aufzustellen, musste er mit den Hüften nach vorn rücken. Von hier aus sah er auf den Eingang. Er könnte auf jemanden warten, der von der Straße zurückkam, und dessen Beine sehen, bevor der andere hereinsah.

Er löste sich von der Wand. Auf ihrer Oberfläche blieb eine hellere Spur seines Oberarms zurück.

Als er aufstand, war die Türöffnung viel weiter entfernt.

Einen Augenblick blieb er reglos stehen. Er erinnerte sich, dass er nur die Schwelle hatte überschreiten und die Hand ausstrecken müssen. Jetzt musste er an der Bank, zwei umgestürzten Steinen und einer breiten Platte vorbei, die ihm zuvor nicht aufgefallen war.

Die Erinnerung an die Kammer kehrte plötzlich zurück, ohne Angst: die zusammengerollte Decke unter dem Nacken, der Ärmelrand am Auge.

Er schlief.

Die Erleichterung spürte er vor allem in den Armen. Er ließ sie sinken, obwohl er nicht wusste, wann er begonnen hatte, sie so steif zu halten. Noch einmal sah er auf den farbigen Streifen. Er wollte sehen, wie frisches Pigment darauf aussehen würde, doch die Wand blieb abgeschabt und dunkel.

Zwischen den Steinen ging er zur Schwelle zurück und wich der breiten Platte aus. Hinter der Türöffnung sanken helle Teilchen herab, sichtbar nur dort, wo etwas Dunkles hinter ihnen lag. Eines blieb an seinem Ärmel hängen, als er auf die Straße hinaustrat. Er strich es ab und hielt bereits nach einem Durchgang zwischen den Säulen Ausschau. Von dort müsste er sehen können, was hinter der Häuserreihe lag. Er ging darauf zu.

Der Säulengang hatte einen Teil seines Gewölbes behalten. An der Wand entlang verlief eine handbreite Rinne, deren Rand auf einer Seite abgenutzt war. Saeron ging zu der Stelle, an der sie unter eingestürzten Trümmern verschwand. Auf dem Grund stand eine dünne Schicht dunklen Wassers. Darüber waren mehrere helle Ringe von Ablagerungen zu sehen, jeder etwas höher als der nächste.

Er kniete sich hin, um unter die Steine zu sehen, und wollte plötzlich ein Tropfen hören.

Er wartete. Aus der Ferne drang weder eine Stimme noch ein Rascheln herüber. Das Wasser unter den Trümmern blieb glatt. Als er das Knie anders setzte, schrammte sein Schuh über die Platte, und das Geräusch schien ihm zu laut.

Er erhob sich erst, als sein Knie taub zu werden begann. Vorsichtig ging er weiter und hielt sich an der Wand. Ein paar Schritte weiter öffnete sich der Säulengang zu einer Treppe. Sie war breit, an den Seiten ausgebrochen; auf den Stufen lag Schutt, doch in der Mitte konnte man hindurch. Oben stand das Bauwerk, das er zuvor über den Dächern gesehen hatte.

An die Dächer selbst erinnerte er sich nicht.

An der letzten Säule musste er einem schräg gespaltenen Sockel ausweichen. Dicht über dem Boden war eine schmale Steinrippe stehen geblieben. Er zog den Fuß zurück, um nicht daran hängen zu bleiben, und sah sich die Form noch einmal an. Daran müsste er den Zugang zur Treppe auf dem Rückweg wiedererkennen.

Über der Treppe erhob sich der große Bogen. Seine Seiten ruhten auf massigen Pfeilern mit flachem Ornament. Manche Verzierungen waren völlig abgeschliffen; in anderen hatte sich weißer Belag gesammelt und hob Rillen hervor, die der Bildhauer vermutlich nicht so deutlich hatte zeigen wollen. Links fehlten mehrere Stücke des Gesimses. Sie lagen weiter unten, die verzierte Seite zur Erde gewandt.

Erst als Saeron am Pfeiler vorbeiging, sah er die ganze Gestalt.

Die Frau stand auf einem hohen Sockel. Ein langes Gewand schmiegte sich an ihren Oberkörper und fiel unterhalb der Hüften in schweren Falten auseinander. An einer Seite war der Stein abgebrochen. Dünne, beinahe scharfe Kanten waren geblieben, zwischen denen sich Schatten sammelte.

Die erhobenen Arme hielten zwei gebogene Klingen auseinander. Ihre Spitzen reichten über den Kopf, bis nahe an die Innenseite des Bogens. Bei einer war die ganze Schneide erhalten; die andere brach auf halber Biegung ab. Saeron betrachtete lange die Hand, die die abgebrochene Klinge hielt. Die Finger waren schlank, weit voneinander getrennt. Zwischen ihnen hatte man den Stein so tief ausgehöhlt, dass stellenweise der Hintergrund hindurchschimmerte.

Er trat näher. Von unten wirkte das Gesicht zu schmal. Er ging zwei Stufen zurück und trat zur Seite. Die Züge fanden ihre Proportionen wieder. Der Bildhauer musste damit gerechnet haben, dass die Menschen sie genau von hier betrachten würden, während sie langsam und mit erhobenem Kopf hinaufstiegen.

Saeron kannte diese Korrektur. Auf großen Leinwänden vergrößerte er selbst, was später aus der Nähe unbeholfen aussah.

Er trat noch ein Stück zurück, bis zu der Stelle, an der das abgebrochene Geländer Raum ließ. Von dort sah er die Wange, die Mundlinie und die Krone, die sich in langen Strahlen zu den Schläfen und zum Hinterkopf hin auffächerte. Zwei schmale Elemente über der Stirn bogen sich aufeinander zu, doch ihre Enden berührten sich nicht. Sie umfassten eine schlanke, tropfenförmige Öffnung und ließen oben eine kleine Lücke.

In dieser Öffnung war der Himmel.

Die kleine helle Form blieb deutlich, selbst wenn der Rest der Krone mit dem Bogen verschwamm. Saeron hob die Hand und verdeckte sie mit der Fingerspitze. Sofort wirkte das Gesicht schwerer. Er ließ die Hand sinken und sah noch einmal hin, ohne weiter Maß zu nehmen.

Das Kinn der Frau war leicht gesenkt. Der Mund war sparsam gemeißelt, beinahe hart, mit einem tieferen Schnitt am Mundwinkel. In den Augenhöhlen hatte sich eine dunkle Kruste angesammelt. Er sah nicht, wohin die Pupillen gerichtet waren, falls man überhaupt welche ausgearbeitet hatte.

Er ging um den Sockel herum. Hinten waren die Gewandfalten breiter und weniger sorgfältig gearbeitet. Eine ging in eine Stütze über, die so verborgen war, dass sie von der Treppe aus wie ein herabfallender Stoffsaum wirkte. Nahe am Boden waren kurze, parallele Werkzeugspuren erhalten geblieben. Saeron führte die Hand darüber, ohne den Stein zu berühren.

Jemand hatte hier gebeugt gearbeitet, vermutlich viele Tage lang. Er musste sein Werkzeug auf dem Vorsprung abgelegt haben, auf dem jetzt heller Belag lag, die Stellung seines Beins verändert, sich den Staub aus dem Gesicht gewischt haben. Saeron sah auf den schmalen Raum zwischen Stütze und Pfeiler. Ein Mensch mit einer Lampe hätte dort Platz gehabt.

Er konnte sich das Licht dieser Lampe nicht vorstellen.

Der Durchgang hinter der Stütze war von Schutt bedeckt. Er ging auf derselben Seite zurück, auf der er gekommen war, und setzte die Füße zwischen die vorspringenden Plattenkanten.

Durch die offene Seite des Bogens sah er die Häuser am Hang. Erst von hier erkannte er, wie breit die Straße war, auf der er gekommen war. Sie müsste den Säulengang kreuzen und weiter zu den niedrigen Dächern hinabführen. Stattdessen brach sie über einem dunklen Absatz ab.

Am Terrassenrand verlangsamte er seine Schritte. Von der Balustrade waren rechteckige Aussparungen geblieben, halb mit Bruchstücken gefüllt. Er stellte sich breitbeinig hin und vermied den Riss unter seinem linken Schuh. Erst als er eine Hand auf einen erhaltenen Pfosten legte, wagte er sich vorzubeugen.

Weiter unten standen weitere Häuser.

Sie standen so dicht, dass sich die einzelnen Dächer von oben kaum unterscheiden ließen. Bei vielen war die Mitte eingesunken. Durch eine Öffnung sah er eine breite Treppe im Inneren eines Gebäudes, die zu einer Wand führte, an der kein Obergeschoss mehr erhalten war. Weiter entfernt zog sich zwischen hohen Mauern ein langer Streifen glatter Fläche hin. Es konnte eine Straße oder ein ehemaliges Becken sein. Dahinter verloren sich die Häuser in der blassen Luft.

Er starrte darauf, bis seine Augen zu tränen begannen.

Kein Rauch.

Auch sah er keinen Stoff, der aus einem Fenster hing, keine Bewegung auf einer Treppe, keinen dunklen Punkt, der sich zwischen den Mauern bewegte. An einigen Stellen glänzte etwas, doch sobald er nicht mehr unmittelbar hinsah, verschwand der Glanz. Das Licht blieb an den freigelegten Kanten hängen.

Er zog die Hand vom Pfosten zurück.

Er wollte in eines der näher gelegenen Häuser sehen. Einen Platz an der Feuerstelle finden, die Spur eines Regals, irgendetwas, bei dem er sich eine gewöhnliche menschliche Tätigkeit vorstellen konnte. Am Sockel hatte er sich bereits die Arbeit des Bildhauers angesehen; dort wusste er wenigstens, wie ein Mensch gestanden und was er mit den Händen getan hatte.

Auf der rechten Seite der Terrasse sah er einen schmalen Abgang.

Er ging darauf zu und strich mit den Fingern über die raue Mauer. Nach wenigen Stufen bog die Treppe ab. Hinter der Biegung lag ein kurzer Gang, von dem zwei Eingänge abzweigten. Einer war von innen verschüttet. Beim anderen war eine halbe Steinschwelle erhalten geblieben.

Er trat darüber und fand sich wieder im Säulengang.

Vor ihm stand die gespaltene Säule. Die schmale Rippe an ihrem Fuß hatte genau die Form, die er sich eingeprägt hatte. Hinter der Säule führte die Treppe zur Statue hinauf.

Er sah zur Tür zurück. Durch die leere Öffnung sah er einen Streifen der Straße und den Innenraum mit der gesprungenen Bank.

Langsam wandte er den Kopf, um keinen dieser Orte ganz aus den Augen zu verlieren. Bank, Schwelle, Säule. Sie lagen nebeneinander. Der Weg, an den er sich erinnerte, fand zwischen ihnen keinen Platz.

Er schloss die Finger um den Ärmelrand.

Er könnte unter den Bogen zurückkehren. Von dort aus hatte er einen guten Überblick. Er müsste nur die Treppe hinaufsteigen, auf derselben Seite um den Sockel gehen und noch einmal auf den Abgang sehen.

Er setzte den Fuß auf die erste Stufe.

Der Stein rutschte unter seinem Schuh weg. Saeron verlagerte sein Gewicht ruckartig nach vorn und griff nach dem Geländer. Einen Moment stand er mit gebeugten Knien da und lauschte. Von unten kam kein Laut eines fallenden Bruchstücks.

Auf dem Geländer blieb ein langer Streifen von seiner Hand zurück.

Er wischte die Finger an seiner Kleidung ab. Er wollte sich schon von der Treppe entfernen, doch dann sah er das Gesicht der Frau. Von dieser Seite lag es beinahe auf Augenhöhe, obwohl der Sockel noch immer hoch über die Stufen ragte. Er brauchte nur den Kopf zu neigen, und der helle Tropfen über der Stirn verschwand hinter einem Strahl der Krone.

Er erinnerte sich an den Tisch im Atelier und an eine saubere Tafel, die er nicht mehr hatte grundieren können.

Vor dem dunklen Hintergrund müsste er diese kleine Öffnung über der Stirn aussparen. Er wollte sie malen, bevor er vergaß, wie das Licht das Gesicht verändert hatte.

Er versuchte noch einmal, den vorigen Blickpunkt zu finden.

Er trat zurück.

Hinter ihm war keine Stufe mehr.

Er streckte die Hand nach dem Geländer aus und traf auf eine kühle, glatte Fläche. Unter den Fingern spürte er feine Putzkörner.

Auf dem Flur fiel etwas Metallisches zu Boden.

Saeron öffnete die Augen. Seine Hand war über dem Lager an die Wand gepresst, und der hochgeschobene Ärmel spannte sich eng um den Ellbogen. Er streckte die Finger. In der Schulter spürte er einen dumpfen Schmerz.

Jemand hinter der Tür fluchte. Ein kurzes Lachen und das Scharren eines Schuhs antworteten ihm.

Er setzte sich auf.

Durch das Fenster fiel noch immer helles Licht, nur das Rechteck an der Wand war tiefer gerückt. In der Kammer roch es nach Stroh. Saeron schob die Decke beiseite und wartete, bis der Druck in seiner Brust nachließ. Der Traum verblasste rasch; er konnte nicht mehr bestimmen, über welche Treppe er auf die Terrasse gelangt war.

Er trank aus dem Becher. Das Wasser war lauwarm.

Beim zweiten Schluck hörte er auf dem Flur ein gewöhnliches Gespräch. Er verstand die Worte nicht, doch eine Weile lauschte er und hielt den Becher in beiden Händen.

Szene II

Das Essen wurde gebracht, als das helle Rechteck bereits den Tischrand berührte.

Der Wächter hielt die Tür mit dem Schuh auf. Er trug die Schale auf einem gefalteten Lappen; auf der Oberfläche der Grütze glänzte Fett. Er stellte sie auf den Tisch und zog den Lappen darunter hervor. Daneben legte er Brot und einen Holzlöffel.

Saeron erhob sich vom Lager und trat an den Tisch. Er schob die Schale in eine Ecke und legte Brot und Löffel daneben. Von dem beleuchteten Teil der Tischplatte wischte er die Krümel weg.

„Ich bräuchte Leinwand.“

Der Mann faltete den Lappen in der Mitte.

„Was für Leinwand?“

„Zum Malen. Ein kleines Stück. Pinsel und etwas Farbe.“

Der Wächter sah auf den Tisch, dann zum Fenster. Unwillkürlich stellte Saeron sich so hin, dass er das Licht nicht verdeckte.

„Das kann ich nicht bringen.“

„Du musst es nicht selbst tun. Im Atelier wissen sie, was ich benutze.“

Der Mann faltete den Lappen noch einmal. Die nasse Ecke ließ er außen.

„Man darf dir keine Malutensilien aushändigen.“

Saeron sah auf seine Hände.

„Wer hat es verboten?“

„Der König.“

Hinter der Tür ging ein zweiter Mann vorbei. Der Wächter zog den Fuß zurück, um ihn vorbeizulassen, schloss aber die Tür nicht.

Saeron sah auf den helleren Putz über dem Lager. Einen Moment lang erinnerte er sich deutlich daran, wie die Treppe anzuordnen war und wo er Platz für den Sockel lassen musste. Er brauchte nicht alles wiederzugeben. Die Anordnung allein würde genügen, um später zum Rest zurückzufinden.

„Dann Papier und Kohle. Oder ein Stückchen Brett.“

„Das sind auch Utensilien.“

Er sagte es ohne Nachdruck. Mit der Hand auf der Klinke wartete er und sah schon zum Flur hinaus.

„Kannst du weitergeben, dass ich darum gebeten habe?“

„Ich sage es meinem Vorgesetzten.“

Saeron nickte.

Der Wächter deutete auf die Schale.

„Iss, bevor es kalt wird.“

Der Wächter ging hinaus und schloss die Tür.

Saeron setzte sich. Das mit dem Keil unterlegte Bein zuckte, als er die Ellbogen aufstützte. Eine Weile hielt er die Hände zu beiden Seiten der freigeräumten Stelle. Dann zog er die Schale heran und stellte sie in die Mitte.

Er nahm den Löffel. Das Ende des Stiels war rau. Er drehte ihn zwischen den Fingern und fand die glattere Seite. Er aß etwas Grütze vom Rand. Weiter innen war sie noch heiß; er schob sie mit dem Löffel auseinander und ließ den Dampf entweichen.