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Elaris · Interludium I

Interludium I

Tomasz Dobras3 Szenen

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Szene I

Der Saal wirkte bei Nacht kleiner.

Das Kerzenlicht rückte die Steinwände näher, und unter den Stühlen, wohin der Schein der Flammen nicht reichte, sammelten sich Schatten. Rhaevan hatte befohlen, im Gang Fackeln zu entzünden und Laternen an den Türen aufzustellen, doch hier drinnen wollte er ruhigeres Licht.

Licht, bei dem er die Gesichter seiner Ratsmitglieder sehen konnte.

Er nahm am Kopfende des Tisches Platz.

Sieben Stühle waren besetzt.

Es hätten acht sein sollen.

Merans Stuhl stand leer da, ordentlich an die Tischkante geschoben, als wäre sein Besitzer nur kurz aufgestanden. Er war schlicht, ohne Schnitzereien oder Armlehnen.

Rhaevans Blick kehrte immer wieder zu ihm zurück.

Jemand hatte Merans Platz bereits geräumt. Keine Schriftstücke waren übrig geblieben, keine Siegel, keine Notizen in seiner kleinen, sparsamen Handschrift. Selbst den Papierstaub hatte man vom Holz gewischt.

Der Staat brauchte keinen Befehl des Königs, um sein eigenes Räderwerk zu schützen.

Rhaevan schwieg.

Die Männer am Tisch beobachteten ihn und versuchten, es sich nicht anmerken zu lassen.

Averan Sorn erhob sich.

Er hielt mehrere Blätter vor sich.

„Eure Majestät. Folgende Tatsachen stehen fest.“

Rhaevan nickte.

Averan trug sie ohne Ausschmückungen vor.

Meran Vey war vor dem dritten morgendlichen Glockenläuten tot im Wintergarten aufgefunden worden. Ein einzelner Schnitt unter seinem linken Ohr verlief hinab zum Kragen. Eine Tatwaffe war nicht gefunden worden.

Unter seinen Fingernägeln hatten sich kleine Stückchen roten Wachses befunden.

Sie konnten von einem Siegel oder einem Schriftstück stammen.

Bisher ließ sich keine unmittelbare Verbindung zwischen ihnen und dem Mörder herstellen.

Niemand in den angrenzenden Palastflügeln hatte den Mord beobachtet.

Rhaevan legte die Hände flach auf den Tisch.

Der Bericht war präzise.

Er sagte ihm fast nichts.

Averan blätterte um.

„Dann ist da noch die Angelegenheit mit Meister Saeron.“

Die Stille am Tisch veränderte sich.

Einer der Ratsherren rutschte auf seinem Stuhl.

„Sprecht.“

„Als man ihm den Leichnam zeigte, erkannte er die Wunde, bevor einer der Wächter Zeit hatte, sie zu beschreiben. Ich fragte ihn, ob er etwas wisse, das für die Ermittlungen von Bedeutung sein könnte. Er bejahte es.“

Averan zögerte gerade lange genug, dass jeder am Tisch bemerkte, dass der nächste Teil des Berichts anders ausfallen würde.

„Merans Wunde war zuvor auf dem Bild der Einheit erschienen.“

Niemand sprach.

Rhaevan spürte, wie sich seine Finger anspannten.

Er ließ nicht zu, dass sie sich bewegten.

„Zuvor?“

„Saeron behauptet, sie sei vor Merans Tod an dessen gemalter Gestalt erschienen. Sein Schüler bestätigt diese Darstellung.“

„Eiran.“

„Ja, Eure Majestät.“

Rhaevan sah den leeren Stuhl an.

„Das Wort eines Malers und seines Schülers.“

„Es gibt mehr.“

Averan legte ein weiteres Schriftstück auf den Tisch.

Es stammte nicht aus der Feder eines Kanzleischreibers.

Die Schrift war ungleichmäßig, stellenweise zu tief ins Papier gedrückt.

„Bevor Meran starb, fertigte Eiran eine Notiz an, in der er die Wunde beschrieb.“

Der Erste Sekretär schob das Blatt zum König.

„Das Datum. Die ungefähre Uhrzeit. Veys Name. Eine Beschreibung der Stelle, an der der Schnitt begann. Seine Richtung. Seine Länge. Die Zusammensetzung des Pigments.“

Rhaevan nahm das Blatt auf.

Unter dem Text standen zwei Unterschriften.

Eiran.

Saeron.

Daneben eine einfache Skizze eines Halses.

Eine dünne Linie begann unter dem linken Ohr.

Sie verlief nach unten.

Rhaevan las alles noch einmal.

„Wann wurde das geschrieben?“

„Mindestens einen Tag vor Merans Tod, wenn man dem Datum auf dem Blatt und den Aussagen von Saeron und Eiran Glauben schenkt. Wir haben das noch nicht unabhängig bestätigt. Das Blatt war an der hinteren Querstrebe des Rahmens befestigt, in dem das Bild der Einheit steht.“

„Wer hat es gefunden?“

„Ich.“

Rhaevan blickte auf.

„Ihr wart im Atelier?“

„Saeron hat uns hingeführt.“

Einer der Ratsherren beugte sich vor.

„Freiwillig?“

Averan sah ihn an.

„Er hat keinen Fluchtversuch unternommen.“

„Das war keine Antwort.“

„Für den Augenblick genügt sie.“

Rhaevan ließ den Wortwechsel unkommentiert.

Er betrachtete die Notiz erneut.

„Was ist mit dem Gemälde geschehen?“

„Es wurde sichergestellt. Die Männer der Krone haben es durch den Ladezugang zum Hof aus dem Atelier getragen. Es blieb die ganze Zeit verhüllt. Die Arbeiter wissen nur, dass sie den Auftrag erhielten, ein für den König bestimmtes Werk zu transportieren.“

„Wohin?“

„In einen verschlossenen Vorbereitungsraum neben der Westgalerie.“

„Wer hat es gesehen?“

„Saeron. Eiran. Ich. Zwei Wächter, denen ich befahl, die Wunde zu betrachten, bevor das Werk sichergestellt wurde.“

Rhaevan umklammerte das Blatt fester.

„Zu viele.“

„Ja.“

Ein Beamter der Schatzkammer regte sich am Tisch.

„Die einfachste Erklärung liegt auf der Hand.“

Rhaevan sah ihn an.

„Ich höre.“

„Saeron wusste von dem geplanten Mord.“

„Woher?“

„Weil er die Männer kannte, die ihn planten. Vielleicht gehörte er selbst zu ihnen.“

„Und deshalb malte er die Wunde auf ein Gemälde für den König, zeigte sie seinem Schüler, ließ ihn eine Notiz anfertigen, unterschrieb sie mit seinem eigenen Namen und bewahrte sie bis zum Mord auf?“

Der Beamte verstummte.

„Menschen können töricht sein“, sagte er nach einem Moment.

„Das stimmt. Aber wir können unsere Ermittlungen nicht auf die Hoffnung gründen, zufällig einen solchen Menschen gefunden zu haben.“

Rhaevan schob das Blatt zu Averan.

„Wo ist Saeron?“

„Unter Bewachung.“

„Wer hat den Befehl gegeben?“

„Ich.“

Im Saal wurde es noch stiller.

Averan senkte den Blick nicht.

„Ich hielt es für riskanter, ihn unbeaufsichtigt zu lassen, nachdem das Gemälde bekannt geworden war, als meine Befugnisse zu überschreiten.“

„Auf wessen Vollmacht hin?“

„Auf Eure, bevor Ihr zu erreichen wart.“

Rhaevan musterte ihn einen Moment lang.

Eine notwendige Vorsichtsmaßnahme.

Eine Formulierung, die ihnen beiden entgegenkam.

Er konnte Averan für die Überschreitung seiner Befugnisse bestrafen oder dessen Entscheidung nachträglich billigen.

In beiden Fällen befand sich Saeron bereits hinter einer bewachten Tür.

Die fremden Gesandten bewohnten noch immer die Gemächer des Palastes.

Meran hatte geholfen, ein Bild der politischen Einheit Valens zu schaffen.

Nun befand sich sein Tod auf derselben Leinwand, gemalt, bevor er sich in der Wirklichkeit ereignet hatte.

Drang die Nachricht aus diesem Saal, würde jede Partei ihr eine eigene Gestalt geben.

Der Maler als Mittäter.

Der Maler als Prophet.

Der Maler als Waffe, die Ardelon verborgen hielt.

Rhaevan stand auf.

Die anderen taten es ihm gleich.

„Nichts von dem, was hier gesagt wurde, verlässt diesen Saal.“

Er sah einen nach dem anderen an.

„Wir werden Saeron ohne Beweise keinen Mörder nennen.“

Sein Blick wanderte zu Averan.

„Einen Propheten werden wir ihn überhaupt nicht nennen.“

Niemand sprach.

„Vernehmt jeden, der in jener Nacht durch den Wintergarten oder die angrenzenden Flügel gegangen ist. Einzeln. Untersucht den Leichnam noch einmal. Prüft jedes Schriftstück, das Meran in den vergangenen zwei Tagen unterzeichnet oder bei sich getragen hat.“

„Auch den Schriftverkehr mit Vells Amt?“, fragte Averan.

„Alles.“

Rhaevan sah den leeren Stuhl an.

„Ich will wissen, woher das Wachs stammt.“

Averan nickte.

„Ja, Eure Majestät.“

„Die übrigen Herren können gehen.“

Stühle scharrten über den Stein.

Die Ratsmitglieder verließen nacheinander den Saal.

Rhaevan wartete, bis die Tür sich geschlossen hatte.

„Averan.“

Der Erste Sekretär hielt inne.

„Ihr bleibt.“

Szene II

Der Vorbereitungsraum neben der Westgalerie war groß genug für ein Gemälde, das beinahe eine ganze Wand einnehmen sollte.

Man hatte ihn für Bildhauer, Dekorateure und Maler eingerichtet, die an königlichen Aufträgen arbeiteten. Hohe Türen führten direkt in die Galerie. Ein zweiter, breiterer Zugang öffnete sich zu einem Dienstgang.

In jener Nacht waren beide Eingänge bewacht.

Rhaevan trat als Erster ein.

Im Inneren brannten vier Lampen.

Sie reichten nicht aus, um den ganzen Raum zu erhellen.

Das Bild der Einheit stand an der längsten Wand, noch immer in seinen schweren Transportrahmen gespannt. Ein dickes Leinentuch bedeckte es.

Averan schloss die Tür.

Rhaevan betrachtete das gewaltige Rechteck.

„Zeigt es mir.“

Averan trat an die Leinwand.

Er fasste den Stoff mit beiden Händen.

Er zog ihn herunter.

Das Gemälde kam nach und nach zum Vorschein.

Zuerst die hohen Fenster.

Dann der Tisch.

Die leeren Stellen zwischen den Delegierten.

Die meisten Gestalten hatten noch keine Gesichter. Sie bestanden nur aus hellen und dunklen Flächen, Skizzen von Menschen, die erst noch auf der Leinwand festgehalten werden sollten.

An der für den König vorgesehenen Stelle war kaum mehr als der Ansatz einer Gestalt zu sehen.

Rhaevan trat näher.

Unter den unvollendeten Figuren hatte eine ein Gesicht.

Meran.

Er stand etwas zurückgesetzt, hinter der vordersten Reihe der Delegierten.

Saeron hatte das schmale Gesicht, die zusammengepressten Lippen und die charakteristische Falte zwischen den Brauen getroffen. Der schwarze Kragen war sorgfältiger ausgearbeitet als die übrige Kleidung.

Unter dem linken Ohr befand sich eine Wunde.

Rhaevan blieb stehen.

Sie sah nicht aus wie ein nachträglich hinzugefügter Strich.

Das Licht, das dem Gesicht seine Form gab, modellierte auch den Schnitt. Der Schatten darum folgte der Richtung des Lichts, das auf die Wange fiel. Der Bluterguss unter der Haut lag nicht auf der Oberfläche des Gemäldes.

Er war Teil des Gesichts.

Rhaevan versetzte die Lampe.

Die Wunde veränderte sich mit der übrigen gemalten Haut.

„So sah sie am Leichnam aus?“

„Ja.“

„Ganz genau so?“

„Genau genug, dass Saeron wusste, wohin er sehen musste, bevor ihm jemand etwas sagte.“

Rhaevan trat noch näher.

Der Meran auf dem Gemälde sah nicht tot aus.

Das war das Schlimmste daran.

Das Gesicht blieb ruhig.

Lebendig.

Die Wunde gehörte einem Mann, der noch nicht wusste, dass er getötet werden würde.

Rhaevan betrachtete den Rest der Komposition.

Das Gemälde sollte Einheit zeigen.

Der größte Teil Valens war auf der Leinwand noch immer gesichtslos.

Der einzige Mensch, den man genau genug gemalt hatte, um ihn erkennen zu können, war ein ermordeter Beamter.

„Wer war noch auf dem Gemälde, als die Wunde erschien?“

„Eirans Aufzeichnungen zufolge war keine andere Gestalt so weit ausgearbeitet.“

Rhaevan betrachtete die Leinwand.

„Warum Meran?“

„Saeron sagt, sein Platz in der Komposition sei einer der ersten gewesen, den die Kanzlei festgelegt hatte.“

„Das erklärt, warum er ihn gemalt hat.“

„Es erklärt nicht die Wunde.“

Rhaevan sah Averan an.

Der Erste Sekretär stand neben dem Tisch, auf dem die Schriftstücke lagen.

„Ihr habt eine Vermutung.“

„Wenn das Datum auf der Notiz stimmt, sehe ich zwei Möglichkeiten.“

„Ich höre.“

„Erstens. Saeron wusste, dass Meran getötet werden würde.“

„Das habe ich schon gehört.“

„Wenn es so war, müssen wir herausfinden, woher er dieses Wissen hatte. Wer es ihm sagte. Warum. Und warum Saeron einen Beweis hinterließ, der unmittelbar zu ihm selbst führte.“

Rhaevan sah das Gemälde erneut an.

„Die zweite.“

Averan zögerte, als fehlte ihm das passende Wort, nicht der Mut.

„Saeron verfügte über eine Information, deren Quelle keine Verschwörung war.“

Rhaevan wandte den Kopf.

„Was für eine Information?“

„Ich weiß es nicht.“

„Woher?“

„Ich weiß es nicht.“

„Bequem.“

„Nicht bequemer als die erste Möglichkeit.“

Rhaevan musste ihm recht geben.

Er tat es nicht laut.

Er trat an die Seite des Rahmens.

„Zeigt mir die Notiz.“

Averan ging um das Gemälde herum.

Rhaevan folgte ihm.

In der hinteren Querstrebe waren vier kleine Nagellöcher zurückgeblieben. Averan reichte dem König das Blatt, das er bei der Ratssitzung gezeigt hatte.

Es sah nicht aus wie ein Schriftstück, das man für ein Gericht angefertigt hatte.

Es war eine Arbeitsnotiz.

Hastig hingeschrieben.

Gerade deshalb wirkte sie glaubwürdiger.

Rhaevan las Eirans Notiz mit der Beschreibung von Merans Besuch am Vorabend und der Feststellung, dass sein Hals zu diesem Zeitpunkt unverletzt gewesen war.

„Warum hat Eiran das getan?“

„Saeron zufolge hat sein Schüler ihn die Wunde nicht übermalen lassen.“

Rhaevan blickte von dem Blatt auf.

„Saeron wollte sie beseitigen?“

„Ja.“

„Warum?“

„Er hatte Angst vor ihr.“

Rhaevan hätte beinahe gelächelt.

„Ein Maler, der Angst vor seiner eigenen Farbe hat.“

„In diesem Fall finde ich es nicht belustigend.“

„Ich auch nicht.“

Rhaevan richtete sich auf.

Auf der anderen Seite der Leinwand lag eine unvollendete Vision des Friedens.

Auf dieser Seite hatten zwei Männer etwas festgehalten für den Fall, dass sie ihrem eigenen Gedächtnis nicht mehr trauten.

Rhaevan ging erneut um den Rahmen herum.

Er blieb vor Meran stehen.

„Wenn wir Saeron öffentlich anklagen, wird dieses Gemälde zum Beweismittel.“

„Ja.“

„Wir werden es zeigen müssen.“

„Wahrscheinlich.“

„Und dann wird jede Gesandtschaft im Palast erfahren, dass die Wunde eines Mannes vor dessen Tod auf einem königlichen Gemälde erschienen ist.“

„Ja.“

„Wenn ich ihn freilasse?“

„Jemand wird versuchen, mit ihm zu sprechen.“

„Jahrann?“

„Vielleicht.“

„Die Marken?“

„Vielleicht.“

„Jemand aus unserem eigenen Rat?“

Averan schwieg.

Rhaevan sah ihn an.

„Auch das bedeutet ‚vielleicht‘.“

„Ja.“

Rhaevan wandte sich wieder dem Gemälde zu.

„Und wenn er in Haft stirbt?“

„Dann bleiben seine Bilder.“

„Und das Gerücht, der König habe einen Mann getötet, der die Zukunft malen konnte.“

Averan widersprach nicht.

Rhaevan spürte einen dumpfen Schmerz im rechten Knie.

Er verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein.

„Verhüllt das Gemälde.“

Averan trat an den Rahmen.

Das Tuch glitt über die obere Querstrebe.

Zuerst verschwanden die unvollendeten Gestalten.

Dann der Tisch.

Zuletzt Merans Gesicht.

Rhaevan sah zu, wie die Wunde unter dem Stoff verschwand.

„Versiegelt den Raum.“

„Ja, Eure Majestät.“

„Niemand darf das Gemälde ohne meine ausdrückliche Erlaubnis sehen.“

„Ich verstehe.“

Rhaevan ging zur Tür.

Davor blieb er stehen.

„Und Saeron?“

„Er wartet auf Eure Entscheidung.“

„Dann sollte er nicht lange warten müssen.“

Szene III

Das Schriftstück lag auf Rhaevans Schreibtisch, beschwert mit einem Brieföffner aus Messing.

Averan hatte es in sorgfältiger Handschrift aufgesetzt.

Jede Zeile war an der vorherigen ausgerichtet.

Saeron wurde darin als ein Mann bezeichnet, der der Mittäterschaft am Mord an Meran Vey verdächtigt wurde.

Ein Mann, der vor der Tat gewusst hatte, wie der Mord begangen werden sollte, und die Obrigkeit nicht darüber unterrichtet hatte.

Diese Formulierung rechtfertigte seine Vernehmung.

Eine Durchsuchung des Ateliers.

Die Beschlagnahme sämtlicher Schriftstücke, Skizzen und Gemälde.

Rhaevan las das Dokument zweimal.

Dann tauchte er die Feder in die Tinte.

Er strich den Vorwurf durch.

Der erste Strich durchkreuzte die Worte, ohne sie völlig zu verdecken.

Er zog einen zweiten.

Langsamer.

Bis sich die Anschuldigung nicht mehr auf den ersten Blick lesen ließ.

Averan sah zu, wie die Tinte in die Fasern des Papiers drang.

„Nein.“

Der Erste Sekretär wartete.

„Eine öffentliche Anklage verlangt öffentlich vorgelegte Beweise“, sagte Rhaevan. „Wir haben nicht genug Beweise, um dieses Risiko einzugehen.“

Er legte die Feder ab.

Er betrachtete die durchgestrichenen Worte.

„Wie das Urteil auch ausfiele, Saeron würde den Gerichtssaal als Mörder, Betrüger oder Prophet verlassen. Keines dieser Ergebnisse wäre uns dienlich.“

Averan nickte.

Rhaevan griff erneut nach der Feder.

Unter den gestrichenen Absatz schrieb er einige Worte.

„Er bleibt unter dem Schutz der Krone als Zeuge, dessen Aussage für die laufenden Ermittlungen von entscheidender Bedeutung ist.“

„Schutz.“

Averan sprach das Wort ohne Ironie aus.

Das machte es schlimmer.

„Keine Vernehmungen ohne meine Erlaubnis“, fuhr Rhaevan fort. „Keine Besuche. Keine Nachrichten hinein oder hinaus.“

„Das Gemälde bleibt unter Siegel. Eirans Notiz ebenfalls.“

Averan schlug sein Notizbuch auf.

„Das Atelier?“

„Erfasst alles, was offen daliegt. Jede Leinwand. Jede Skizze. Jedes Schriftstück.“

„Beschlagnahmen?“

„Nein.“

Averan blickte auf.

„Wir haben das Gemälde an uns genommen. Das genügt.“

Rhaevan legte die Feder ab.

„Ich will nicht, dass Saeron bei seiner Rückkehr ein leeres Atelier vorfindet.“

„Ihr geht davon aus, dass er zurückkehrt.“

„Ich gehe nur davon aus, dass man Entscheidungen nicht zu früh treffen sollte.“

Averan notierte die Anweisung.

„Sollen wir die verschlossenen Schränke durchsuchen?“

Rhaevan überlegte.

„Nur jene, die sich öffnen lassen, ohne die Schlösser zu beschädigen. Nichts aufbrechen. Nichts weiter mitnehmen.“

„Ich verstehe.“

„Lasst das Atelier beobachten.“

Averan schrieb eine weitere Zeile.

„Und Eiran?“

Rhaevan lehnte sich im Stuhl zurück.

Er erinnerte sich an die beiden Unterschriften auf der Rückseite des Gemäldes.

Der Schüler wusste von der Wunde.

Vielleicht wusste er auch Dinge, die Saeron Averan nicht erzählt hatte.

„Beobachten.“

Averan wartete.

„Nicht festnehmen.“

„Er ist ein Zeuge.“

„Eben.“

Rhaevan erkannte die Frage in der Reglosigkeit des Ersten Sekretärs.

„Seine Verhaftung würde ihm zeigen, dass wir fürchten, was er weiß. Lasst ihn durch die Stadt gehen. Lasst ihn ins Atelier zurückkehren. Lasst ihn versuchen, Saeron zu erreichen.“

„Er könnte auch etwas mitnehmen.“

„Dann erfahren wir, was er für wertvoll genug hielt, um es mitzunehmen.“

Averan schrieb den Befehl nieder.

„Wenn Saeron etwas versteckt hat“, sagte Rhaevan, „führt sein Schüler uns vielleicht schneller dorthin als eine Durchsuchung.“

„Und wenn er bemerkt, dass er beobachtet wird?“

„Dann habt Ihr die falschen Männer gewählt.“

Averan schloss sein Notizbuch.

Einen Moment lang betrachtete er das Schriftstück vor dem König.

„Schutz und Gefangenschaft“, sagte er. „In diesem Fall läuft es auf dasselbe hinaus.“

Rhaevan öffnete ein lackiertes Kästchen.

Darin lagen das königliche Siegel und eine Stange roten Wachses.

Einen Moment lang betrachteten beide Männer die Farbe.

Rhaevan sagte nichts dazu.

Er hielt das Wachs über die Flamme.

An der Spitze sammelte sich ein dunkler Tropfen.

Er fiel auf das Dokument.

Der Geruch erhitzten Harzes gab der Luft eine scharfe Note.

Averans Blick senkte sich kurz auf das Siegel.

Rhaevan dachte an die Stückchen roten Wachses, die man unter Merans Fingernägeln sichergestellt hatte.

Wachs derselben Art wurde täglich in Dutzenden von Räumen des Palastes verwendet.

Für Befehle.

Für Briefe.

Für Abrechnungen.

Für Schriftstücke, die über das Schicksal eines Menschen entscheiden konnten, bevor er von ihrer Existenz wusste.

Rhaevan drückte das königliche Zeichen in die weiche Oberfläche.

Er drückte fester.

Er hob das Siegel an.

Der Abdruck war sauber.

Averan streckte die Hände nach dem Dokument aus.

Rhaevan gab es noch nicht frei.

„Klagt ihn nicht an“, sagte er.

Averan sah ihm in die Augen.

Rhaevan ließ das Papier los.

„Noch nicht.“

Der Erste Sekretär nahm den Befehl mit beiden Händen entgegen.

„Wie Ihr befehlt, Eure Majestät.“

Die Tür schloss sich hinter ihm.

Rhaevan blieb an seinem Schreibtisch sitzen.

Jenseits der Wand wechselten die Wächter ihre Stellung. Leder knarrte. Metall berührte Stein.

Das Räderwerk des Palastes setzte sich wieder in Bewegung.

Rhaevan betrachtete den roten Abdruck seines eigenen Siegels.

Dann löschte er die Lampe.