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Elaris · Kapitel III

Die Wunde, die es noch nicht gab

Tomasz Dobras5 Szenen

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Szene I

Den ganzen Weg hinauf zum Palasthügel spürte Saeron die Kälte stärker als sonst.

Weder das dicke, dunkle Wams noch der sorgfältig geschlossene Umhang halfen. Der nächtliche Regen hatte zwischen den Pflastersteinen eine dünne Schlammschicht hinterlassen, und der Morgenwind trieb die Feuchtigkeit aus den Gassen unter seine Kleidung.

Die Stadt war seit über einer Stunde wach, doch auf den Plätzen, die er überqueren musste, waren vor allem Menschen unterwegs, deren Hände Werkzeuge umklammerten und deren gedämpfte Stimmen nur knappe Anweisungen hervorbrachten.

Innerhalb der Palastmauern herrschte eine andere Kälte. Die alltäglichen Rufe der Stadt drangen nicht bis hierher. Einzelne Worte durchschnitten die Luft, mit größerer Sorgfalt gesprochen und einer Feierlichkeit, die weniger an ein Gebet erinnerte als an einen Fluch am Rand eines Schriftstücks.

Die Teilnehmer der Versöhnungsversammlung hatten sich vor dem Eingang aufgestellt.

Jede beteiligte Partei hatte ihre Vertreter entsandt.

Saeron betrachtete sie mit müden Augen. Er studierte nicht nur Gesichter und Kleidung, sondern auch die Stellung der Füße, die Haltung der Schultern, die Richtung jedes Blicks und den Abstand, den einer zum anderen hielt.

Meran Vey hob sich von den anderen ab wie ein Riss in einer ebenmäßigen Mauer. Er war kein Delegierter, bewegte sich aber mit der Sicherheit eines Mannes zwischen ihnen, der wusste, wo jeder von ihnen zu stehen hatte.

Über dem Wams, das Saeron erst vor wenigen Stunden gesehen hatte, trug er einen schwarzen Umhang. Der hohe Kragen, die silbernen Verschlüsse und die hellen Manschetten sahen genauso aus wie zuvor.

Unwillkürlich blickte Saeron auf seinen Hals.

Er war unversehrt.

Meran lebte.

Natürlich lebte er.

Saeron zwang sich, woanders hinzusehen.

Neben zwei Delegierten aus dem Süden stand eine Frau, die einen der westlichen Höfe vertrat. Ihre Finger ruhten locker auf dem Griff eines Prunkrapiers. Sie lächelte jedem der Vertreter zu, doch ihr Blick verweilte auf keinem von ihnen länger als eine Sekunde.

Saeron blieb am Eingang stehen.

Er gehörte nicht zu dieser Welt, war aber auch nicht länger nur ihr Beobachter.

Man hatte ihn einbestellt, um drei Skizzen für den Auftrag vorzulegen. Er wusste jedoch, dass es dabei nicht um Kunst ging.

Die Einheit, die er auf der Leinwand festhalten sollte, existierte nur in offiziellen Erklärungen und Posen. Saeron sah Menschen, die ihre Namen in die Geschichte einschreiben wollten, am liebsten auf Kosten ihres Nachbarn. Ihre Körper beugten sich zu höflichen Gesten, doch ihre Gesichtsmuskeln arbeiteten wie die von Raubtieren unmittelbar vor dem Biss.

Averan Sorn trat aus einem Seitengang.

Wie bei ihrer letzten Begegnung trug er dunkle, schmucklose Kleidung. Er hielt ein Bündel Schriftstücke mit beiden Händen und gab Saeron nur mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass er ihn erkannt hatte.

„Meister Saeron. Seine Majestät erwartet Eure Skizzen.“

Saeron hob eine schmale, mit grauem Stoff bezogene Mappe.

„Drei Fassungen. Wie angeordnet.“

Averan nickte.

„Wartet bitte bei der Säulenhalle. Die Audienz beginnt, sobald alle Mitglieder des Rates versammelt sind.“

Saeron trat einige Schritte in die Vorhalle.

Die Delegierten begaben sich auf die ihnen zugewiesenen Plätze. Die Vertreter Ardelons gingen voran. Die übrigen Gesandtschaften folgten, voneinander getrennt nach einer zeremoniellen Ordnung, die natürlich wirken sollte.

Meran betrat den Korridor unmittelbar vor Saeron.

Der schmale Gang zum Saal der Schatten schien noch kälter als der Platz. Sie gingen unter einem Glasgewölbe hindurch. Die Luft stand still, und das Licht spiegelte sich auf dem Glas wie auf einer Eisfläche.

Unter den Gesandten wurde geflüstert. Jemand erwähnte Spannungen an den nördlichen Grenzen. Ein anderer sprach von einem Streit um Zölle und Durchgangsrechte. In einem nur halb verstandenen Satz fiel der Name Istran Vell, Oberverwalter der Zölle und königlichen Vorräte, und ging sogleich in einem weiteren geflüsterten Wortwechsel unter.

Meran hörte zu, beteiligte sich aber nicht.

Sein Gesicht blieb ruhig, beinahe asketisch, doch die Finger seiner rechten Hand rieben sich immer wieder aneinander, als wollte er unsichtbaren Staub von ihnen entfernen.

Saeron erinnerte sich an dieselbe Hand, die am Vorabend neben der Naht des schwarzen Wamses geruht hatte.

Dann an die rote Spur auf dem Gemälde.

Am Eingang zum Saal der Schatten hielt Averan den Zug an.

Sie warteten.

Meran wandte den Kopf.

„Meister Saeron.“

Saeron nickte.

„Habt Ihr letzte Nacht gearbeitet?“

Die Frage traf zu genau.

„Ja.“

„An der Komposition?“

„Unter anderem.“

Meran hob die Brauen.

„Ich frage mich, welche Fassung Ihr zuerst vorlegen werdet.“

„Das hängt ganz vom Licht ab.“

Ein Mundwinkel Merans hob sich.

„Licht kann launisch sein.“

„Dann muss man den Blickwinkel ändern.“

Averan gab ihnen ein Zeichen weiterzugehen.

Einen Augenblick später betrat Saeron den Saal der Schatten.

Meran folgte ihm, lebendig und gefasst, als hätte die Nacht nirgendwo Spuren hinterlassen außer in Saerons Atelier.

Szene II

Der Saal der Schatten roch nach frisch poliertem Wachs und altem, feuchtem Marmor.

In der Mitte stand ein langgezogener ovaler Tisch. An seinem schmaleren Ende befand sich ein mit dunklem Samt bezogener Stuhl.

Als sich die Türen erneut öffneten, verstummten die Gespräche.

Rhaevan III. trat ein.

Er brauchte keine Krone, um sich von den Beamten abzuheben.

Er war groß und breitschultrig, schwerer als auf Saerons Porträt. Das Prunkwams verbarg den gewachsenen Leibesumfang, nicht aber die Wucht seines Brustkorbs oder die Breite seiner Schultern. Sein kurz geschnittenes, dunkelkastanienbraunes Haar war an den Schläfen silbern.

Er ging bedächtig. Beim ersten Schritt auf den Stuhl zu blieb sein rechtes Bein etwas steifer als das linke.

Saeron bemerkte es.

Niemand sonst ließ erkennen, überhaupt etwas bemerkt zu haben.

Der König setzte sich.

Averan neigte den Kopf.

„Eure Majestät, wie befohlen stelle ich Euch Meister Saeron und drei Fassungen des Bildes der Einheit vor.“

Rhaevans Blick glitt zunächst über die Delegierten. Erst dann sah er den Maler an.

„Ihr habt die Skizzen?“

„Ja, Eure Majestät.“

„Zeigt sie mir.“

Averan drehte die erste Tafel um.

Auf dem Papier stand ein langgezogener Tisch entlang einer Lichtachse. Die Delegierten saßen zu beiden Seiten, voneinander getrennt durch Abstände und die Hoheitszeichen ihrer Staaten.

Rhaevan deutete auf eine leere Stelle am Ende des Tisches.

„Warum sitzt hier niemand?“

„Die Liga von Jahrann hat den Namen ihres Vertreters noch nicht bestätigt. Ich wollte keinen Menschen erschaffen, bevor die Liga es selbst getan hat.“

Der Mundwinkel des Königs zuckte.

„Eine unverfängliche Antwort.“

Er strich mit einem Finger über die freie Stelle.

„Nur hat auch die Leere ihre eigene Bedeutung.“

„Ich weiß.“

Averan enthüllte die zweite Skizze.

Die Delegierten verließen den Saal nach der Unterzeichnung des Abkommens, doch jeder ging in eine andere Richtung. Ihre Gesten blieben zeremoniell. Die Komposition nicht.

Rhaevan betrachtete sie lange.

„Ist das das wahre Bild Valens?“

„Wenn Ihr fragt, wie ich es heute sehe, dann ja.“

Eine kaum wahrnehmbare Bewegung ging durch den Raum.

„Wahre Kunst ist nicht immer schön“, sagte der König. „Heute brauchen wir jedoch mehr als nur Wahrheit. Wir brauchen ein Bild einer Zukunft, die wir noch nicht erreicht haben.“

„Und wenn sie nicht daran glauben?“

„Zuerst müssen sie etwas sehen, an das sie glauben können.“

Averan schob die letzte Skizze ins Blickfeld.

Die Delegierten standen dicht beieinander um den Tisch. Das Licht aus den hohen Fenstern verband die Gestalten stärker als ihre Gesten. Die Unterschiede blieben, doch aus dem richtigen Abstand ließen sie sich übersehen.

Rhaevan beugte sich vor.

„Diese.“

Saeron hatte mit der Antwort gerechnet.

„Ich habe gestern nach ihr mit der Untermalung begonnen.“

Averan sah ihn an.

Der König hob die Brauen.

„Ohne Erlaubnis?“

„Bei der Frist, die man mir gesetzt hat.“

„Und wenn ich eine andere gewählt hätte?“

„Dann hätte ich einen Arbeitstag verloren.“

„Meinen Tag.“

„Die Farbe weiß nicht, wer sie bezahlt.“

Jemand am Tisch rückte unruhig auf seinem Stuhl.

Rhaevan wirkte eher interessiert als gekränkt.

„Wie weit seid Ihr?“

„Die Architektur. Die Lichtverteilung. Die ersten Plätze. Eine Gestalt.“

„Welche?“

Saeron sah Meran an.

„Meran Vey.“

Meran rührte sich nicht.

„Warum er?“, fragte Rhaevan.

„Sein Platz war einer der wenigen, die die Kanzlei nicht mehr ändern wollte.“

Der König legte eine Hand auf die dritte Skizze.

„Von heute an arbeitet Ihr nur noch an dieser Fassung. Vey wird Euch die endgültige Anordnung der Figuren, die Wappen und die übrigen Einzelheiten überbringen.“

Meran antwortete mit einer Verbeugung.

„Ich werde alles tun, um Meister Saeron zu ersparen, halb Valen neu malen zu müssen.“

„Ein Viertel genügt“, sagte Saeron.

Mehrere Anwesende wandten den Blick ab, um ihre Reaktion zu verbergen.

„Ihr habt sieben Tage, um die Untermalung so weit zu bringen, dass ich die gesamte Anordnung erkennen kann“, sagte der König.

„Sieben Tage sind nicht viel.“

„Drei Wochen sind noch kürzer, wenn wir mit acht anfangen.“

Saeron nickte.

Rhaevan betrachtete die Komposition noch einmal.

„Ich verlange nicht, dass Ihr Liebe malt, wo keine ist. Ich will, dass ein Mensch, der dieses Gemälde in zwanzig Jahren betrachtet, glauben kann, wir seien einen Tag lang imstande gewesen, nebeneinanderzustehen.“

Es war nicht klar, ob er zum Maler sprach oder zu den Menschen am Tisch.

„Das Gemälde soll die Versammlung überdauern“, fügte er hinzu. „Die Versammlung muss das Gemälde nicht überdauern.“

Averan sammelte die übrigen Skizzen ein.

Die Audienz war beendet.

Die Delegierten begannen den Saal zu verlassen.

An der Tür kam Saeron an Meran vorbei. Er sah ihn einen Augenblick zu lange an.

Dem Beamten entging es nicht.

„Stimmt etwas nicht?“

„Euer Kragen.“

Meran berührte den Stoff.

„Sitzt er schief?“

„Nein.“

„Was dann?“

Saeron sah ihm in die Augen.

„Nichts.“

Szene III

Das Licht im Gang war so grell, dass es in den Augen schmerzte.

Die Marmorwände spiegelten den Schein der Kandelaber und vervielfachten die Schatten an jeder Biegung.

Meran wartete an der ersten Abzweigung.

Unter einem Arm hielt er eine schmale Mappe.

„Ihr habt Euch rasch mit der Entscheidung des Königs abgefunden.“

„Die Entscheidung lag nicht bei mir.“

„Mag sein. Aber Ihr werdet sie malen.“

Er zog ein Blatt Papier hervor.

Der Tischplan war so oft korrigiert worden, dass die ursprüngliche Anordnung nur noch an den Spuren getilgter Tinte zu erkennen war.

„Sie haben die Reihenfolge zum vierten Mal geändert. Jahrann hat seinen Delegierten noch immer nicht benannt. Einer der Gesandten weigert sich, mit dem Rücken zum Fenster zu stehen.“

Saeron betrachtete das Schriftstück.

„Auf dem Gemälde wird nicht zu sehen sein, wer sich vor dem Fenster gefürchtet hat.“

„Er wird es wissen.“

Meran rieb mit dem Daumen über den Rand der Mappe.

„Morgen bringe ich Euch den überarbeiteten Plan. Den endgültigen spätestens am Morgen des dritten Tages.“

„Den endgültigen?“

„Das werde ich oben hinschreiben.“

Saeron hätte beinahe sein Lächeln erwidert.

„Das ist ehrlicher.“

Meran musterte ihn einen Moment lang.

„Ich habe gesehen, wie Ihr mich während der Audienz angesehen habt.“

Saeron hielt inne.

„Ein Maler sieht hin.“

„Mehrmals.“

„Wenn der erste Blick nicht genügt.“

Meran rückte seinen Kragen zurecht.

„Habe ich etwas im Gesicht?“

„Nein.“

„Gut.“

Aus der Tiefe des Ganges waren Schritte zu hören.

Meran senkte die Stimme.

„Ich weiß, dass Ihr ungern mit Bildern lügt.“

„Diese Meinung verbreiten Leute, die mich nie gut bezahlt haben.“

„Manchmal hält sich eine Lüge länger als die Wahrheit.“

„Eine ähnliche Lektion habe ich heute Morgen schon gehört.“

„Vom König?“

„Von mir selbst.“

Meran sah ihn genauer an.

„Der Palast mag keine Überraschungen. Vor allem keine, die man später an eine Wand hängen kann.“

Er rückte seine Manschette zurecht.

„Und macht mich bitte nicht jünger.“

„Das hatte ich nicht vor.“

„Dann ist es eine Korrektur weniger.“

Er nickte und ging auf die Seitentreppe zu.

Saeron blieb allein zurück.

Einen Augenblick später schmeckte er Metall im Mund.

Er schluckte.

Der Geschmack blieb.

Szene IV

In den folgenden zwei Tagen verließ Saeron das Atelier kaum.

Das Bild der Einheit nahm langsam Gestalt an. Zuerst die Architektur. Dann der Tisch und das Licht. Einer nach dem anderen traten die Delegierten aus dem hellen Malgrund hervor, zunächst ohne Gesichter, wie Menschen, die noch nicht entschieden hatten, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen wollten.

Meran blieb die am weitesten ausgearbeitete Gestalt, weil Saeron mit ihm begonnen hatte.

Die Wunde unter seinem linken Ohr veränderte sich nicht. Sie trocknete mit den übrigen Farbschichten, als hätte sie von Anfang an zur Komposition gehört.

Eiran prüfte sie jeden Morgen.

Saeron tat, als bemerke er es nicht.

Am ersten Tag schickte Meran einen Kanzleischreiber mit einer überarbeiteten Wappenliste.

Am zweiten kam er selbst.

Er stellte sich vor das Gemälde und betrachtete die Komposition einen Moment lang aus der Entfernung. Dann trat er näher.

Saeron mischte am Tisch Farben.

Eiran erstarrte auf der anderen Seite des Ateliers.

Meran betrachtete zuerst seinen Platz unter den übrigen Gestalten, dann das Gesicht.

„Ich steche zu sehr hervor.“

„Weil die anderen noch nicht fertig sind“, sagte Saeron.

Meran kam noch näher. Der Schatten des hohen Kragens und die dunklere Modellierung des Halses verschmolzen mit der dünnen Linie der Wunde so gut, dass sie von seinem Standpunkt aus nicht ins Auge fiel.

„Das Gesicht ist gut.“

Saeron schwieg.

„Ihr habt mich nicht jünger gemacht.“

„Ich hatte es versprochen.“

Meran wandte sich von der Leinwand ab.

Er hatte sie nicht gesehen.

Als er gegangen war, schloss Eiran die Tür.

„Wir sollten es ihm sagen.“

„Was?“

Eiran deutete auf das Gemälde.

„Die Wahrheit.“

„Welche Wahrheit?“

„Diese.“

Saeron sah auf die Wunde.

„Wir wissen nicht, was das ist.“

„Wir wissen, dass er darauf zu sehen ist.“

„Zu sehen ist Farbe am Hals eines gemalten Mannes.“

„Das ist keine Antwort.“

„Es ist die einzige, die ich beweisen kann.“

Eiran presste die Kiefer zusammen.

„Und wenn ihm etwas zustößt?“

Saeron antwortete nicht.

Zum ersten Mal dachte er, dass auch Schweigen eine Entscheidung sein konnte.

Am dritten Morgen sollte Meran den genehmigten Plan und die fehlenden Wappen bringen.

Er kam nicht.

Saeron wartete am Tisch, die Pigmente lagen bereit. Eiran prüfte die Namensliste.

Das erste Glockenläuten verstummte.

Dann das zweite.

Schließlich rannte jemand die Treppe hinauf.

Ein junger Kanzleischreiber blieb in der Ateliertür stehen und atmete durch den offenen Mund.

„Meister Saeron. Sekretär Sorn bittet Euch, mit mir zu kommen.“

Saeron erhob sich.

Er sah auf das Bild der Einheit.

„Wo ist Vey?“

Der Schreiber wandte den Blick ab.

Er antwortete nicht.

Szene V

Sie betraten den Wintergarten durch einen Seitengang.

Jenseits des Glasdachs hing graues Morgenlicht. Drinnen war die Luft schwer von feuchter Wärme. Es roch nach nasser Erde und nach Rosen, die man außerhalb ihrer Blütezeit zum Blühen gebracht hatte.

Neben dem Steinweg standen zwei Wachen und Averan Sorn.

Zwischen den Sträuchern lag Meran Vey mit dem Gesicht nach unten auf dem hellen Sandstein.

Saeron erkannte zuerst den schwarzen Umhang, dann die silbernen Verschlüsse und die helle Manschette.

Merans Hand lag nahe am Hals, die Finger um den Kragen gekrampft. Getrocknetes Blut hatte Haut und Stoff verklebt.

Unter seinen Fingernägeln steckten winzige Stückchen roten Wachses.

Averan nickte den Wachen zu.

Sie drehten den Leichnam um.

Der Umhang haftete einen Moment am Stein, dann löste er sich mit einem feuchten Rascheln.

Merans Kopf kippte haltlos zur Seite. Auf seiner Wange lag eine flache Schürfwunde. Der Mund stand offen, als hätte er im letzten Augenblick versucht, Luft zu holen.

Er sah nicht friedlich aus.

Er sah aus wie ein Mensch, dem keine Zeit geblieben war zu begreifen, warum er fiel.

Saeron wusste, wohin er sehen musste.

Er wollte nicht.

Er sah hin.

Die Wunde begann unmittelbar unter dem linken Ohr und zog sich als dünne Linie am Hals hinab, bis sie unter dem hohen Kragen verschwand.

Saerons Magen zog sich zusammen.

Der metallische Geschmack kehrte zurück.

Die Wunde ähnelte der auf dem Gemälde nicht.

Es war dieselbe.

Der Anfang.

Der Winkel.

Die Länge.

Die Stelle, an der sie unter dem schwarzen Stoff verschwand.

Saeron erinnerte sich, wie Eiran sie auf einem Blatt Papier skizziert hatte.

Wie er die Linie um einige Grad korrigiert hatte.

Ein wenig senkrechter.

Eine der Wachen sagte etwas zu Averan.

Saeron hörte es nicht.

Das Rauschen des Blutes in seinen Ohren übertönte selbst die Menschen neben ihm.

Er kniete nieder, berührte den Leichnam jedoch nicht.

Aus der Nähe sah er dieselben Finger, die Meran wenige Tage zuvor aneinandergerieben hatte, als versuchte er, unsichtbaren Staub von ihnen zu entfernen.

Jetzt waren sie steif, mit Blut und rotem Wachs verschmutzt.

„Meister?“, sagte Averan.

Saeron blickte auf.

Der Erste Sekretär beobachtete ihn zu genau.

„Habt Ihr ihn gut gekannt?“

„Nein.“

„Und doch wusstet Ihr, wohin Ihr sehen musstet.“

Saeron richtete sich langsam auf.

Averan wandte den Blick auf die Wunde.

„Gibt es etwas, das ich wissen sollte?“

Saeron dachte an das Atelier.

An das Bild der Einheit, das ein Valen zeigen sollte, das einen Augenblick lang ohne gegenseitigen Hass bestehen konnte.

An die einzige Gestalt, die von Anfang an ein Gesicht besessen hatte.

An Eiran.

An die beiden Unterschriften, die auf der Rückseite des Rahmens verborgen waren.

Und an das Gespräch am Vortag.

Wir sollten es ihm sagen.

Erst jetzt spürte Saeron das Gewicht dieser Worte.

Er wusste nicht, ob eine Warnung etwas geändert hätte. Er wusste nicht einmal, wovor er Meran hätte warnen können.

Er wusste nur, dass er geschwiegen hatte.

Er sah Averan an.

„Ja“, sagte er.

Der Erste Sekretär wartete.

Saeron öffnete den Mund.

Da begriff er zum ersten Mal, dass das Bild der Einheit nicht länger ihm gehörte, ganz gleich, was er als Nächstes sagte.