Elaris · Kapitel I
Das Bild der Einheit
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Abschnitt I
Seit Tagesanbruch tat die Stadt so, als hätte sie nichts zu verbergen.
Selbst durch geschlossene Fensterläden verriet sie ihre Geheimnisse. Das Schaben der Bürsten, die den Stein schrubbten, drang ins Atelier, vermischt mit den heiseren Rufen der Arbeiter und den dumpfen Hammerschlägen, mit denen neue Halterungen für die Banner an den Fassaden befestigt wurden. Der Lärm hatte noch vor dem ersten Glockenschlag begonnen, in den Stunden, die dem Schlaf gehörten, damit niemand sah, wie viel Mühe es kostete, die Stadt vorzeigbar zu machen.
Im Atelier roch es nach Leinöl, nassem Holz und frisch zerriebenem Pigment. Seit einigen Minuten schabte der Stößel entschieden zu laut im Mörser.
Saeron lag noch auf dem schmalen Bett hinter dem Wandschirm, als erneut Stein auf Stein knirschte.
„Eiran.“
Das Geräusch verstummte.
Für einen Augenblick herrschte Stille.
„Ja, Meister?“
„Falls du versuchst, das Blau zu wecken, kann ich dir versichern, dass es nicht schläft.“
Der junge Mann antwortete nicht. Kurz darauf hörte Saeron den Stößel wieder, nun vorsichtiger, beinahe lautlos.
Er setzte sich auf und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Er hatte kaum geschlafen. Sein dunkles, gewelltes Haar fiel ihm in die Stirn; an den Schläfen zeigte sich das erste Grau. Er nahm einen Pinsel vom kleinen Tisch und hielt ihn einen Moment mit ausgestrecktem Arm. Seine Hand blieb vollkommen ruhig. Auf der von Arbeit rauen Haut um die Nägel hafteten Pigmentspuren. Dann legte er den Pinsel ab und stand auf.
Er zog sich an, band das Haar tief im Nacken zusammen und schob den Wandschirm beiseite.
Eiran saß an einem niedrigen Tisch, über einen flachen Mörser gebeugt. Er war dreiundzwanzig, hatte ein schmales, noch immer junges Gesicht und aschbraunes Haar, das ihm ständig in die dunklen, haselnussbraunen Augen fiel. Er strich es mit der Innenseite des Handgelenks zurück; blaue Schlieren zeichneten seine breiten Fingerknöchel. Er arbeitete mit der Konzentration eines Mannes, dem eine weit wichtigere Aufgabe anvertraut worden war, als er tatsächlich ausführte. Auf der Tischplatte lagen kleine Stücke Azurit neben mehreren Leinentüchern und einer Scheibe Brot, für die er offenbar noch keine Zeit gefunden hatte.
Saeron trat an den Tisch und betrachtete das Pigment im Mörser.
„Zu viel Öl.“
„Ich habe genauso viel genommen wie gestern.“
„Gestern war es auch zu viel.“
Eiran sah auf.
„Gestern habt Ihr gesagt, es sei gut.“
„Ich habe gesagt, es genügt.“
Saeron nahm den Holzspatel neben dem Mörser und zog dessen Spitze durch die blaue Masse. Das Pigment wich zu leicht auseinander und hinterließ eine glänzende Spur.
„Das ist nicht dasselbe.“
Eiran sah die Farbe an, als erwarte er, dass sie die Worte seines Meisters bestätigte. Dann griff er nach einem weiteren Stück des Minerals.
Saeron nahm es ihm aus der Hand.
„Iss erst.“
„Ich habe keinen Hunger.“
„Deshalb starrst du seit fünf Minuten das Brot an.“
Eiran zögerte, griff aber schließlich nach der Scheibe. Unter dem Tisch erklang ein leises Miauen. Bolek, ein stämmiger brauner Kater mit dunklen Streifen, strich um Eirans Knöchel und hob seine großen olivgrünen Augen zum Brot. Saeron wartete nicht, bis Eiran zu essen begann. Er ging zur Staffelei am größten Fenster und nahm das Leinentuch ab.
Unter dem Stoff kam König Rhaevans Gesicht zum Vorschein.
Er war ein Mann mit breitem Kiefer, tief sitzenden Brauen und einem Mund, der Unmut auszudrücken pflegte, noch ehe er gehört hatte, was andere zu sagen hatten. Auf dem Porträt wirkte er ruhiger. Nicht sanft, denn Saeron nahm keine Aufträge für Wunder an, aber würdevoll. Die Schatten unter den Augen waren gemildert, die Falten auf der Stirn geordnet und der linke Mundwinkel gerade weit genug angehoben, dass Zorn als Entschlossenheit durchgehen konnte.
Saeron musterte das Gesicht und wählte einen seiner feinsten Pinsel.
„Bessert Ihr ihn immer noch aus?“, fragte Eiran mit vollem Mund.
„Er sieht noch immer aus, als wollte er jemanden außerhalb des Bildes schlagen.“
„Vielleicht ist er einfach so.“
Saeron tauchte den Pinsel in helle Farbe.
„Ich weiß, wie er ist.“
„Warum habt Ihr ihn dann nicht so gemalt?“
Der Pinsel hielt dicht vor der Leinwand inne.
Saeron wandte sich dem jungen Mann zu. Eiran senkte sofort den Blick, doch damit nahm er die Frage nicht zurück. Er wartete auf eine Antwort.
Saeron hellte die Haut über dem Mundwinkel des Königs behutsam auf.
„König Rhaevan hat mich nicht für die Wahrheit bezahlt.“
„Wofür dann?“
Saeron legte den Pinsel ab und trat zurück. Aus dieser Entfernung verlor das Gesicht des Monarchen seine Eigenheiten und nahm den Ausdruck an, den Rhaevan erwartete.
„Dafür, dass man ihn genau so in Erinnerung behält.“
Eiran runzelte die Stirn und betrachtete das Porträt, als suche er darin nach einer Lüge.
„Ein Bild ist nicht die Wahrheit“, fügte Saeron leise hinzu. „Es ist der Teil der Wahrheit, den jemand zu bewahren beschlossen hat.“
Saeron konnte nicht sagen, ob Eiran ihn nicht verstanden hatte oder ob er ihn zu gut verstanden hatte und ihm die Antwort missfiel.
„Ihr habt einmal gesagt, ein guter Maler sollte sich nicht vor dem fürchten, was er sieht.“
„Sollte er auch nicht.“
„Aber er sollte es verbergen?“
„Er sollte wissen, wann er mit den Augen eines Malers hinsieht und wann mit denen eines Narren.“
Eiran riss ein Stück Brot ab.
„Was ist der Unterschied?“
„Ein Narr glaubt, allein der Anblick der Wahrheit gebe ihm Macht über ihre Folgen.“
Diesmal sagte Eiran nichts. Saeron wandte sich wieder dem Porträt zu.
Er erinnerte sich an Rhaevan bei der ersten Sitzung: die breiten Schultern, eingeengt von einem zeremoniellen Wams, die um die Armlehne verkrampfte Hand, rote Äderchen in den Augen und Schweiß auf der Oberlippe. Der König verabscheute es, stillzuhalten, besonders wenn jemand anderes bestimmte, wie lange. Ein solches Porträt wäre wahrhaftiger gewesen, doch es hätte sein Dasein in einem Keller beendet. Das Bild, das er bestellt hatte, besaß eine Chance zu überdauern.
Es klopfte an der Tür.
Drei leise Schläge in gleichmäßigen Abständen. Eiran legte das Brot ab und wischte sich die Finger an der Hose ab.
„Mach erst auf, wenn ich das Porträt verhüllt habe“, sagte Saeron.
„Warum?“
„König Rhaevan wünscht nicht, dass ihn jemand sieht, bevor er fertig ist.“
„Er war sechsmal hier. Die halbe Straße hat gesehen, wie er aussieht.“
„Die halbe Straße hat ihn gesehen. Nicht das Porträt.“
Eiran ging zur Tür, während Saeron das Tuch über die Staffelei warf. Erst dann nickte er.
Auf der Schwelle stand ein Mann in einem dunkelgrünen Mantel mit silberner Schließe. Er trug keine Waffe, doch noch ehe er eingetreten war, hatten seine Augen den Inhalt des Ateliers erfasst, Regal um Regal, Winkel um Winkel, als nähme er fremden Besitz auf.
Auf der Brust trug er das Zeichen Ardelons.
„Meister Saeron?“
„Kommt darauf an, wer fragt.“
Der Mann hielt ihm einen versiegelten Brief hin.
„Die königliche Kanzlei.“
Saeron nahm das Schreiben. Das Wachs war noch weich, als hätte man den Brief erst vor wenigen Augenblicken verschlossen. Das Siegel zeigte eine von einem Kreis umschlossene Krone, doch die untere Hälfte des Abdrucks war undeutlich. Wer das Siegel ins Wachs gedrückt hatte, war in Eile gewesen.
„Wird eine Antwort erwartet?“
„Ihr sollt kommen.“
„Das war keine Antwort auf meine Frage.“
Der Bote sah ihn ohne jede Belustigung an.
„Vor Mittag.“
Er wandte sich um und ging die Treppe hinunter.
Eiran schloss die Tür.
„Habt Ihr etwas getan?“
„Vieles.“
„Etwas, von dem die Kanzlei weiß?“
Saeron brach das Siegel.
Im Innern standen ein einziger Satz, die Unterschrift des königlichen Sekretärs und die Uhrzeit des Treffens. Ein Grund für die Vorladung war nicht angegeben.
„Genau das will ich herausfinden.“
Eiran kam näher.
„Vielleicht geht es um Steuern.“
„Ginge es um Steuern, hätten sie zwei Männer geschickt.“
„Vielleicht geht es um König Rhaevan.“
„Dann hätten sie jemanden in einer Robe geschickt, nicht in einem Mantel.“
Eiran versuchte, über seine Schulter mitzulesen. Saeron faltete den Brief und steckte ihn in den Gürtel.
„Mach das Blau fertig. Ohne weiteres Öl. Danach grundierst du zwei Leinwände.“
„Wie groß?“
„So groß, wie wir sie haben.“
„Und wenn Ihr nicht zurückkommt?“
Saeron blieb am Kleiderständer stehen.
In der Frage lag kein Scherz. Eiran beobachtete ihn aufmerksam und versuchte, seine Unruhe hinter gespielter Gleichgültigkeit zu verbergen. Es gelang ihm schlecht.
Saeron zog den Mantel an.
„Dann rühr Rhaevans Porträt nicht an.“
„Warum?“
„Weil er nicht bezahlt hat.“
Er ging, bevor Eiran eine weitere Frage stellen konnte.
Abschnitt II
Auf den Straßen war es kälter, als der wolkenlose Himmel hatte erwarten lassen. Der Regen der Nacht hatte den Staub in die Fugen zwischen den Steinen gespült, und nun schoben Arbeiter den Schmutz zu den Rinnsteinen. Das Wasser war grau und führte verfaulte Blätter, Strohreste und abgeplatzten alten Putz mit sich.
Saeron ging in Richtung Oberstadt.
Die Hauptstadt Ardelons stieg sanft den Hang hinauf, gekrönt vom Palast wie von einem letzten, vollendeten Pinselstrich am Horizont. Er ragte nicht bedrohlich auf wie eine Festung. Er war ein Fluchtpunkt, in dem alle Dachlinien, Straßen und Blicke zusammenliefen.
An diesem Tag führten auch die Banner dorthin.
Aus den Fenstern hingen Stoffbahnen in den Farben Ardelons. Über den breiteren Straßen wurden die Wappen der übrigen Länder Valens zwischen den Häusern aufgehängt, doch so angeordnet, dass keines höher hing als die Krone Ardelons. Arbeiter maßen Seile ab, versetzten Halterungen und stritten über Abstände, die den meisten Passanten vermutlich nie auffallen würden.
Saeron fielen sie auf.
Er sah auch die Stellen, die unsichtbar bleiben sollten.
An einem Brunnen befahlen zwei Wachen einer alten Frau, die auf einem Tuch ausgebreiteten Holzfiguren einzupacken. Ein Stück weiter verdeckte ein Wirt mit Brettern einen Riss in der Vorderwand seines Hauses. An einer Bäckereimauer überstrichen drei Jungen eine Parole gegen die anreisenden Delegationen.
Die weiße Farbe war noch nicht trocken, und die dunklen Buchstaben schimmerten weiterhin hindurch.
ARDELON WIRD KEINE FREMDEN KÖNIGE ERNÄHREN.
Einer der Jungen zog seine Bürste über das letzte Wort. Die Buchstaben verschmierten, verschwanden aber nicht. Eine weitere Schicht würde nötig sein.
Die Schlange vor der Bäckerei war länger als gewöhnlich. Die Menschen sprachen von den Feierlichkeiten, den fremden Gesandten und dem Friedensabkommen, das noch vor Monatsende unterzeichnet werden sollte. Sie sprachen laut und voller Überzeugung, doch die meisten verließen den Laden mit mehr Brotlaiben, als sie an einem Tag essen konnten.
Saeron blieb vor dem Schaufenster eines Tuchhändlers stehen. Er rückte den Mantelärmel zurecht, um einen kleinen Fleck roten Pigments zu verdecken, der sich trotz mehrerer Versuche nicht hatte entfernen lassen. Mit seinem tief im Nacken gebundenen dunklen Haar und dem schmalen Gesicht sah er aus wie jemand, an den man sich nicht erinnern sollte. Das war ihm recht.
Die erste Delegation war früher eingetroffen als angekündigt.
Saeron ging weiter.
An der äußeren Palasttreppe prüften die Wachen seine Vorladung, vergewisserten sich seines Namens und durchsuchten den kleinen Lederbeutel, den er stets am Gürtel trug. Einer von ihnen nahm zwei Kohlestifte, ein Stück Kreide, eine mit Blei beschwerte Schnur und ein kleines Messer zum Anspitzen der Kohle heraus.
„Die Klinge bleibt hier“, sagte er.
„Ohne sie wird die Kohle bald unbrauchbar.“
„Im Palast gibt es andere Messer.“
„Wie beruhigend.“
Der Wachmann antwortete nicht. Er legte das Werkzeug in eine Holzkiste und reichte Saeron eine Tonmarke mit eingeritzter Nummer.
Im Innern schien Chaos zu herrschen. Diener trugen Bänke durch die Räume, Beamte eilten mit Dokumenten durch die Gemächer, und Wachen bezogen Posten an Durchgängen, die bis dahin leer gestanden hatten. Doch niemand stieß mit jemand anderem zusammen. Jede Bewegung hatte ein Ziel, jeder Weg war im Voraus festgelegt. Es wirkte wie eine Generalprobe, bei der alle ihre Rollen kannten, obwohl niemand ihnen gesagt hatte, warum sie so hastig spielen mussten.
Ein junger Kanzleischreiber wartete auf Saeron.
Er stellte sich nicht vor. Er neigte lediglich den Kopf und führte ihn durch einen seitlichen Säulengang, eine breite Treppe hinauf und weiter in den repräsentativen Flügel des Palastes.
„Erfahre ich noch, weshalb ich vorgeladen wurde, bevor wir vor dem königlichen Sekretär stehen?“, fragte Saeron.
„Der Sekretär wird alles erklären.“
„Darf ich dann wenigstens erfahren, vor welchem Sekretär wir stehen werden?“
Der Schreiber beschleunigte seine Schritte.
„Vor dem Ersten.“
„Ich habe immer vermutet, dass die anderen nur dazu da sind, damit man den Ersten mehr zu schätzen weiß.“
Der junge Mann sah über die Schulter zurück, unsicher, ob er lächeln durfte. Schließlich tat er es nicht.
Sie erreichten eine hohe, offen stehende Flügeltür.
Der Saal dahinter war beinahe leer.
Saeron hatte ihn schon bei königlichen Feierlichkeiten gesehen, aber noch nie ohne Menschen. Ohne Höflinge, Musiker und Wachen wirkte er größer. Durch eine Reihe hoher Fenster fiel Licht und schnitt helle Rechtecke in den Steinboden. An der gegenüberliegenden Wand stand ein Podest mit einem Thron. Davor waren Stühle für die Delegierten aufgestellt.
Einige standen noch an den Wänden. Andere wurden nach Kreidemarkierungen auf dem Boden verschoben.
In der Mitte des Saals warteten zwei Männer.
Der erste war der königliche Sekretär, Averan Sorn. Saeron kannte ihn vom Sehen. Sorn gehörte zu jenen Männern, deren Gegenwart man leicht vergaß, obwohl die ganze Stadt das Gewicht ihrer Entscheidungen spürte. Er kleidete sich schlichter als die meisten Würdenträger, trug keine Ringe und sprach gewöhnlich so leise, dass seine Gesprächspartner sich zu ihm beugen mussten. Dadurch sahen selbst Männer von höherem Rang aus, als bäten sie ihn um vertraulichen Rat.
Der andere Mann leitete die Zeremonien des Hofes. Der Kragen seiner Robe war so steif, dass er den Kopf nicht frei drehen konnte.
Sorn trat auf Saeron zu.
„Meister.“
„Sekretär.“
„Ich danke Euch, dass Ihr so rasch gekommen seid.“
„Die Vorladung ließ wenig Spielraum für Verzögerungen.“
Sorn überging die Bemerkung.
„Ihr wisst gewiss von der Versammlung.“
„Die ganze Stadt weiß davon.“
„Die Stadt weiß den Teil, den sie wissen soll.“
Saeron sah auf die leeren Stühle.
„Sie weiß also, dass es Frieden geben wird.“
Der Zeremonienbeamte versteifte sich noch mehr, obwohl Saeron das nicht für möglich gehalten hatte. Sorn hingegen lächelte schwach.
„Ein Abkommen wird unterzeichnet.“
„Das ist nicht immer dasselbe.“
„Genau deshalb seid Ihr hier.“
Der Sekretär wandte sich dem Saal zu.
Sorn begann, den letzten Tag der Versammlung zu schildern: die Verlesung der Bedingungen und die Unterzeichnung der Dokumente. Saeron hörte nur mit halbem Ohr zu, mehr mit dem beschäftigt, was er sah. Ein Stuhl stand weiter vom Thron entfernt als die anderen. Als der Sekretär auf den Streit um Handelswege zu sprechen kam, bemerkte Saeron einen weiteren Stuhl in einem Schattenbereich, den das Licht erst am Nachmittag erreichen würde. Während Sorn von Steuern und dem Recht sprach, Truppen zu unterhalten, entdeckte Saeron, dass zwei weitere Sitze so dicht zusammengeschoben worden waren, dass die darauf Sitzenden Schulter an Schulter sitzen müssten.
„Ihr wollt ein Gemälde“, sagte er.
Der Mann mit dem steifen Kragen räusperte sich.
„Ein Werk, das die Einheit Valens unter der Führung Ardelons verewigt.“
„Wie groß?“
„Eine ganze Wand der Westgalerie.“
Saeron hob eine Braue.
„Ich habe nach dem Gemälde gefragt, nicht nach dem Ehrgeiz.“
Sorn hielt den Beamten mit einer Handbewegung zurück.
„Ihr erhaltet ein Atelier im Palast, die nötigen Materialien und Gehilfen. Die ersten Skizzen bereitet Ihr für das morgige Treffen vor. Das Gemälde wird vor Monatsende fertiggestellt.“
„Nein.“
Der Zeremonienbeamte trat einen Schritt vor.
„Meister Saeron, dies ist ein königlicher Auftrag.“
„Ein königlicher Auftrag ändert nicht die Trockenzeit der Farbe.“
„Man hat mir versichert, Ihr seid der beste Maler der Hauptstadt.“
„Deshalb sage ich Euch nein.“
Sorn betrachtete ihn einen Moment.
„Wie lange braucht Ihr?“
„Wenn das Werk die Feier überdauern soll, zwei Monate. Wenn es bei der Enthüllung fertig aussehen muss, drei Wochen und die Erlaubnis, die Einzelheiten später zu vollenden. Wenn es nur vom anderen Ende der Galerie aus gut aussehen soll, könnt Ihr die Männer anstellen, die Fassaden bemalen.“
„Drei Wochen“, entschied Sorn.
„Und die Gehilfen wähle ich selbst.“
„Der Hof wird sie überprüfen.“
„Der Hof kann prüfen, ob sie ein Geheimnis bewahren können. Ich prüfe, ob sie einen Pinsel halten können.“
Der Sekretär nickte.
Saeron ging zwischen den Stühlen hindurch. Er blieb an dem stehen, der am weitesten vom Podest entfernt war.
In seine Lehne war das Wappen einer der anreisenden Delegationen geschnitzt. Der Stuhl war sorgfältig gearbeitet, doch seine Vorderbeine waren etwas kürzer als die hinteren. Wer darauf saß, würde sich die ganze Zeit mit den Füßen abstützen müssen oder wirken, als rutsche er zum Boden hinab.
Saeron drückte mit einer Hand auf die Sitzfläche.
Der Stuhl wackelte.
„Der muss ausgetauscht werden.“
„Er wurde nach dem Zeremonialprotokoll angefertigt“, erwiderte der Beamte.
„Verlangt das Zeremonialprotokoll, dass der Gesandte bei der Unterzeichnung umfällt?“
Der Mann presste die Lippen zusammen.
Sorn kam näher.
„Der Stuhl wird ausgebessert.“
„Und sein Platz ebenfalls.“
„Was stimmt damit nicht?“
Saeron deutete auf die Steinplatte vor dem Stuhl. Eine weiße Kreidelinie markierte die Stelle, bis zu der seine Vorderbeine geschoben werden sollten.
„Wenn ich den Delegierten hier male, steht er außerhalb der Hauptkomposition.“
„Nur ein paar Schritte.“
„Auf dem Boden.“
Saeron sah den Sekretär an.
„Auf der Leinwand werden diese Schritte zu Jahren.“
Sorn wandte den Blick zum Zeremonienbeamten. Er musste nichts sagen. Der Mann zog ein Stück Papier aus dem Ärmel und notierte die Anweisung.
„Die endgültige Anordnung wird heute Abend genehmigt“, sagte Sorn. „Das Werk soll Eintracht zeigen. Keine alten Spaltungen, keinen Vorteil für irgendeine Seite und keine unnötigen Einzelheiten.“
„Außer dem Vorteil Ardelons.“
„Ardelon ist keine Partei in diesem Streit.“
Saeron blickte auf den Thron, der die Stühle überragte.
„Natürlich.“
Der Sekretär trat einen halben Schritt näher.
„Jeder wird dieses Gemälde sehen. Kaufleute, Befehlshaber und die Söhne derer, die unterschreiben. Was Ihr malt, könnte ihnen mehr bedeuten als das Abkommen selbst.“
„Ich weiß, was ein Gemälde ist.“
„Dann wisst Ihr auch, dass man nicht immer malen sollte, was man vor Augen hat.“
Saeron wandte sich ihm zu.
Einen kurzen Moment bewegte sich keiner der beiden Männer.
„Gewöhnlich kommen die Leute gerade deshalb zu mir, weil ich sehe, was ich vor Augen habe“, sagte Saeron.
„Sie kommen, weil Ihr entscheiden könnt, was davon bleiben soll.“
Die Worte des Sekretärs erinnerten Saeron an das Gespräch mit Eiran. Im Atelier hatte derselbe Gedanke wie ein Grundsatz seines Handwerks geklungen. Hier klang er wie ein Befehl.
Saeron betrachtete die leeren Plätze für die Menschen, die am nächsten Tag für ein Bild der Eintracht Modell stehen sollten.
„Zuerst werde ich sie mir ansehen“, erwiderte er.
Sorn fasste das als Zustimmung auf.
Ein Schreiber brachte Papierbögen und ein Zeichenbrett. Saerons Messer lag noch am Eingang, also reichte ihm einer der Hofdiener frische Kohlestifte, gleichmäßig zugeschnitten und beinahe identisch.
Saeron wählte den dünnsten.
In der folgenden Stunde vermaß er den Saal.
Zunächst schritt er die Entfernungen ab, dann maß er mit den Augen. Das Licht aus den Fenstern schnitt über den Boden. Es würde die Komposition bestimmen. Er skizzierte den König in der Mitte, doch nicht auf dem Thron. Das wäre zu offensichtlich gewesen. Die Delegierten ordnete er in einem Halbkreis an, damit keiner den anderen den Rücken zukehrte.
Und hinter ihnen?
Offene Fenster.
Immer offene Fenster.
Eine Wand war ein Ende, und dieses Bild sollte keines haben. Es sollte sich über die Stadt ergießen und sie umfassen.
Sorn ging, um sich um die Ankunft der Delegationen zu kümmern. Der Zeremonienbeamte blieb noch eine Weile und beobachtete jede Linie auf dem Papier, doch schließlich wurde auch er fortgerufen.
Saeron blieb allein zurück.
Die Stille war nicht vollkommen. Aus den Korridoren drangen die Schritte der Diener, die Rufe der Wachen und das Scharren verschobener Möbel. Die Geräusche stiegen zum hohen Gewölbe auf und kehrten verzerrt zurück, als bewegten sich in unsichtbaren Teilen des Saals andere Menschen.
Saeron stellte sich in die Mitte des Raums und kniff ein Auge halb zu.
Er zog mit der Kohle eine Linie über das Papier und markierte den Rand des Podests. Dann fügte er den Thron, die Fenster und den ersten der leeren Stühle hinzu.
Etwas stimmte nicht.
Er senkte das Brett.
Zwischen den Plätzen zweier Delegationen verlief ein dünner Riss im Boden.
Zuvor war er ihm nicht aufgefallen.
Er begann an der Stufe des Podests, durchquerte eine helle Steinplatte und zog sich zu den Stühlen hin. In einem dunkleren Saal hätte man ihn für ein Haar halten können, so schmal war er. Doch das Licht aus den Fenstern ließ seinen unregelmäßigen Verlauf hervortreten.
Saeron trat näher.
Der Riss teilte sich in mehrere feine Verzweigungen. Eine endete unter dem Stuhl mit den verkürzten Beinen. Eine andere führte weiter zu dem Platz, der für den Tisch zur Unterzeichnung vorgesehen war. Die längste reichte bis an die erste Stufe des Throns.
Er ging in die Hocke.
Einen Moment lang hatte er den Eindruck, der Spalt bewege sich. Er wurde nicht breiter. Eher dunkler, als verschöbe sich etwas tief im Stein dicht unter dessen Oberfläche.
Saeron streckte die Hand aus.
Irgendwo im Korridor schlug eine Tür zu.
Er zuckte zusammen und wandte sich dem Geräusch zu.
Als er den Blick wieder senkte, war der Boden unversehrt.
Er strich mit den Fingern über den hellen Stein. Nicht einmal einen Kratzer konnte er ertasten. Die Oberfläche war kühl und glatt, von jahrzehntelangen Schritten blank poliert.
Saeron richtete sich langsam auf.
Er sah sich um, doch der Saal war leer.
Müdigkeit.
Es musste Müdigkeit sein.
Eine Nacht über Rhaevans Porträt. Ein leerer Magen. Grelles Licht auf dem Boden. Nur ein Spiel von Streifen und Mustern im Stein. Manchmal sieht das Auge, was nicht da ist, und setzt aus zufälligen Formen Bilder zusammen.
Der Gedanke beruhigte ihn, obwohl er unter den Fingerspitzen noch immer die eingebildete Kante des Risses spürte.
Er kehrte zur Skizze zurück.
Erst als er den Platz des letzten Stuhls markieren wollte, bemerkte er die Linie auf dem Papier.
Der Kohlestrich durchschnitt die ganze Komposition. Er begann zwischen den Delegierten, trennte ihre Plätze, verlief durch den Tisch und endete unter dem Thron.
Saeron konnte sich nicht erinnern, ihn gezeichnet zu haben.
Er rieb mit dem Daumen darüber.
Die Kohle verwischte zu einem grauen Fleck auf dem Papier. Die Linie selbst verschwand nicht. Das Papier ringsum wellte sich leicht, als sei es vor etwas zurückgeschreckt, das es nicht aufnehmen wollte.
Er drehte das Blatt um.
Auf der Rückseite zeigte sich eine schwache Erhebung.
Saeron betrachtete seine eigene Skizze lange. Dann faltete er sie in der Mitte, schob sie unter die übrigen Blätter und zeichnete den Saal von vorn.
Diesmal ließ er keinen Riss zwischen den Stühlen.
Abschnitt III
Als Saeron ins Atelier zurückkehrte, hatte das Licht seine Farbe verändert.
Die morgendliche Kühle war verschwunden. Flaches, graues Licht fiel durch die Nordfenster und wanderte langsamer über die Wände als das Licht von den anderen Seiten des Hauses. Saeron mochte es gewöhnlich. Es log nicht über Farben.
An diesem Tag traute er nicht einmal ihm.
Eiran saß genau dort am Tisch, wo Saeron ihn zurückgelassen hatte. Das Brot war verschwunden. Das Blau war verbessert.
„Weniger Öl“, sagte Saeron.
Eiran hob den Kopf.
„Ist mir aufgefallen.“
Saeron zog den Mantel aus.
„Das war ein Kompliment.“
„Ihr solltet mich vorwarnen.“
An der größten Wand des Ateliers stand eine grundierte Leinwand bereit. Ihr schwerer Rahmen war durch Querstreben verstärkt und so aufgestellt, dass man ihn später durch die Transportöffnung in den Hof schaffen konnte.
Noch war die Oberfläche hell.
Das Bild der Einheit existierte noch nicht.
Saeron stellte die Mappe auf den Tisch.
„Was wollen sie?“, fragte Eiran.
„Einheit.“
„Ist das schlecht?“
„Gewöhnlich schon, wenn man sie bei einem Maler bestellen muss.“
Er nahm drei Blätter heraus.
Eiran kam näher.
Auf dem ersten saßen die Delegierten an einem Tisch, jeder ein wenig anders gewandt. Das zweite zeigte den Augenblick nach der Unterzeichnung. Das dritte war am geordnetsten. Die Gestalten standen dicht beieinander, verbunden durch das Licht aus den hohen Fenstern.
Eiran deutete auf das letzte.
„Das werden sie nehmen.“
„Warum?“
„Es sieht aus, als würde keiner von ihnen einen anderen hassen.“
„Ich sollte dich öfter mit in den Palast nehmen.“
„Nein.“
„Auch eine vernünftige Antwort.“
Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie.
Diesmal nur zweimal.
Eiran zögerte.
„Soll ich den König verstecken?“
„Lass ihn ruhen.“
Saeron öffnete die Tür.
Im Flur stand ein schlanker Mann in einem dunklen Mantel. An seinem Hals war der hohe Kragen eines schwarzen Wamses zu sehen. Sein Bart war sorgfältig gestutzt, und unter einem Arm trug er eine mit Dokumenten gefüllte Mappe. Eine Ecke war vom häufigen Gebrauch bereits geknickt.
„Meister Saeron?“
„Heute ausnahmsweise ja.“
Der Mann sah an ihm vorbei zu Eiran.
„Meran Vey. Kanzlei des Rates.“
Er bot ihm nicht die Hand. Saeron ebenso wenig.
„Averan Sorn sagte, Ihr würdet die Änderungen erst heute Abend bringen.“
„Der Sekretär meinte die endgültigen Änderungen.“
Meran trat ein, als Saeron zur Seite wich.
Er musterte das Atelier nicht so offen wie der Bote am Morgen. Er tat es weit unauffälliger und deshalb gründlicher.
Er legte die Mappe auf den Tisch.
„Die Reihenfolge der Delegationen hat sich wieder geändert. Die Liga von Jahrann hat den Namen ihres Vertreters noch nicht bestätigt. Die Marken von Vardhen verlangen mehr Abstand zur südlichen Delegation. Eine Seite will ein Banner hinter ihrer Delegation, die andere besteht darauf, dann ebenfalls eines zu bekommen.“
„Natürlich.“
Meran entfaltete den Plan.
Die Tinte bildete ein Netz aus Korrekturen. Einige Namen waren zweimal durchgestrichen. Pfeile wiesen auf neue Plätze am Tisch, und drei Positionen waren in einer anderen Farbe markiert.
Saeron fuhr mit dem Finger über eine der Markierungen.
„Das entspricht nicht der Anordnung, die ich im Palast gesehen habe.“
„Deshalb bin ich hier.“
„Und morgen ändert sich alles wieder.“
„Wahrscheinlich.“
„Ich beginne zu verstehen, weshalb Beamte nicht malen.“
Meran lächelte schwach.
„Wir bessern die Dinge aus, bevor sie trocknen können.“
Eiran prustete los und tat sofort so, als müsse er husten.
Meran bemerkte es, sagte aber nichts dazu.
Saeron nahm die dritte Skizze heraus.
„Diese Anordnung ist am wahrscheinlichsten.“
„Das denken wir auch.“
„‚Wir‘?“
„Die Leute, die morgen so tun werden, als sähen sie sie zum ersten Mal.“
Saeron hob den Blick.
Meran lächelte nicht.
„Ich kann nicht bis morgen warten“, sagte Saeron. „Bei dieser Frist muss ich die Untermalung heute beginnen.“
„Der Sekretär ging davon aus, dass Ihr das sagen würdet.“
„Er lässt mich also ohne Genehmigung anfangen?“
„Er lässt Euch Eure eigene Zeit verschwenden, falls der König eine andere Fassung wählt.“
„Großzügig.“
Meran schob ihm den Plan zu.
„Die Architektur des Saals wird sich nicht ändern. Die Fenster auch nicht. Der Platz der Krone steht ebenfalls fest.“
Saeron deutete auf mehrere Gestalten.
„Und die Menschen?“
„Die meisten können sich noch ändern.“
Meran fuhr mit dem Finger am Rand des Tisches entlang.
„Diese drei Positionen könnt Ihr als fest betrachten. Der Vertreter der Krone. Der Erste Sekretär. Ich.“
„Ihr werdet auf dem Bild sein?“
Meran wandte sich Eiran zu.
„Offenbar.“
„Ihr seid kein Delegierter.“
„Deshalb soll ich stehen, nicht sitzen.“
Eiran nahm die Antwort ohne weitere Fragen hin.
Saeron wandte sich der hellen Leinwand zu.
„Stellt Euch ans Fenster.“
Meran runzelte die Stirn.
„Jetzt?“
„Wenn ich morgen so tun soll, als hätte ich erst nach der Entscheidung des Königs angefangen, muss ich heute den Teil erledigen, den niemand bemerken wird.“
Meran betrachtete ihn einen Moment.
Dann zog er den Mantel aus.
Darunter trug er dasselbe schwarze Wams mit dem hohen Kragen. Der Stoff war von guter Qualität, doch schmucklos. Nur die silbernen Verschlüsse am Hals fingen das Licht ein.
„Hier?“
Saeron rückte ihn um einen halben Schritt zur Seite.
„Jetzt hier.“
Meran stand seitlich zum Fenster.
Saeron musterte sein Gesicht.
Ein schmales Gesicht. Ein sorgfältig gestutzter Bart. Eine kleine Falte zwischen den Brauen. Ein Mund, der selbst in Ruhe etwas zu berechnen schien.
„Bewegt den Kopf nicht.“
„Wie lange?“
„Bis ich anfange, Euch zu mögen.“
Meran seufzte.
„Ich hätte früher fragen sollen.“
Saeron übertrug die wichtigsten Linien der Komposition auf die Leinwand. Er arbeitete noch keine Einzelheiten aus. Er markierte den Tisch, die Kanten der hohen Fenster und die Schulterlinie der Delegierten. Die Gestalten blieben blass und beinahe formlos.
Nur Merans Position verlangte größere Genauigkeit.
Der Beamte sollte etwas hinter dem Tisch stehen, an der Grenze zwischen zwei Gruppen. Er gehörte keiner Delegation an. Doch ohne ihn konnte die Zeremonie nicht stattfinden.
Saeron markierte Merans Schultern, den hohen Kragen und das Oval seines Gesichts.
Eiran bereitete eine dunklere Mischung vor.
„Zu viel Umbra“, sagte Saeron.
„Ich habe noch keine hineingetan.“
Saeron sah in die Schale.
„Dann ist es gut.“
Meran verlagerte sein Gewicht.
„Ihr habt gesagt, ich soll den Kopf nicht bewegen.“
„Eure Beine sind noch nicht auf dem Bild.“
„Beruhigend.“
Saeron arbeitete schnell.
Er versuchte nicht, das Gesicht zu vollenden. Es genügte, die Proportionen einzufangen und die Art, wie sich das Licht am hohen Kragen brach. Mit dunkler Farbe legte er den Schatten unter dem Kiefer an. Mit einem helleren Ton formte er die linke Wange.
Meran begann vor den anderen auf der Leinwand zu existieren.
Um ihn herum waren die übrigen Gestalten noch immer kaum mehr als Schlieren.
Nach etwas mehr als zehn Minuten legte Saeron den Pinsel ab.
„Das genügt.“
Meran trat an das Gemälde.
Er fand dort kein Porträt seiner selbst, nur einen Teil seines Gesichts, der zwischen den unfertigen Gestalten hervortrat.
„Ich sehe aus, als würde ich vor Langeweile sterben.“
„Dann ist die Ähnlichkeit schon ausreichend.“
Eiran wandte sich wieder den Pigmenten zu und verbarg sein Lächeln.
Meran zog den Mantel an.
„Morgen früh legt Ihr dem König drei Skizzen vor. Wenn er eine andere Fassung wählt, verschwindet das.“
Er deutete auf sein eigenes Gesicht.
Saeron betrachtete das blasse Gesicht auf der Leinwand.
„Farbe lässt sich schwerer zum Verschwinden bringen als ein Beamter.“
Merans Hand hielt auf der Klinke inne.
„Bitte stellt das nicht auf die Probe.“
Diesmal war nicht zu erkennen, ob er scherzte.
Er ging.
Eiran trat an die Tür und lauschte Merans sich entfernenden Schritten.
„Ich mag ihn nicht.“
„Musst du auch nicht.“
„Ihr etwa?“
Saeron begann, den Pinsel zu reinigen.
„Ich habe ihn noch nicht lange genug gemalt, um das zu wissen.“
Eiran kehrte zum Tisch zurück.
In der nächsten Stunde arbeiteten sie schweigend.
Saeron arbeitete die Architektur der Komposition aus. Die senkrechten Linien der Fenster. Die Perspektive des Tisches. Lichtflecken auf dem Boden. Die Plätze der Delegierten ließ er beinahe leer.
Mehrmals kehrte er zu Merans Gestalt zurück.
Er besserte die Kieferlinie aus.
Den Schatten am Kragen.
Das Licht auf der linken Wange.
Irgendwann legte er den Pinsel ab und drückte zwei Finger an die Schläfe.
Eiran bemerkte es.
„Tut es weh?“
„Ein wenig.“
„Ich hole Wasser.“
„Nein.“
Saeron ließ den Blick auf der Leinwand ruhen.
Meran war der einzige Mensch in der Komposition, den man bereits erkennen konnte.
Die übrigen warteten.
„Geh nach Hause“, sagte Saeron.
Eiran sah zum Fenster.
„Es ist noch früh.“
„Eben deshalb.“
„Ich muss noch das Blau für morgen vorbereiten.“
„Das machst du morgen.“
Eiran rührte sich nicht.
„Habt Ihr wirklich Kopfschmerzen?“
Saeron wandte den Blick vom Bild ab.
„Ja.“
Das war nicht ganz die Wahrheit.
Doch er wusste nicht, wie er den Rest nennen sollte.
Eiran wischte sich die Hände an einem Leinentuch ab.
„Ich komme vor Tagesanbruch.“
„Nach dem ersten Glockenschlag.“
„Davor.“
Saeron hatte nicht die Kraft zu streiten.
„Mach die Tür hinter dir zu.“
Eiran nahm seinen Mantel.
An der Tür blieb er stehen und sah noch einmal zum Bild der Einheit zurück.
„Haben sie diese Fassung schon gewählt?“
„Nein.“
„Und wenn sie morgen eine andere wählen?“
Saeron sah Merans blasse Gestalt an, umringt von Menschen, die noch keine Gesichter hatten.
„Dann übermale ich sie.“
Eiran nickte und ging.
Saeron war allein.
Er wartete, bis die Schritte des jungen Mannes auf der Treppe verklungen waren.
Dann drehte er den Schlüssel im oberen Schloss.
Er zögerte.
Er drehte ihn auch im unteren.
Im Atelier wurde es still.
Jenseits der Nordfenster erlosch das Licht langsam über den Dächern Ardelons. Saeron legte Holz ins Feuer, kehrte aber nicht gleich zum Tisch zurück.
Er trat vor das Bild der Einheit.
Der größte Teil der Komposition existierte noch nicht.
Der Tisch bestand kaum aus mehr als perspektivischen Linien. Der König war eine helle Form. Die Delegierten eine Reihe unfertiger Umrisse.
Nur Meran Vey hatte ein Gesicht.
Saeron griff nach dem Pinsel.